Land will Medikamententests an Kindern aufklären

Das historische Bild zeigt Mädchen bei Handarbeiten im Essener Franz-Sales-Haus, die von Ordensschwestern angeleitet werden.Foto:Franz-Sales-Haus
Das historische Bild zeigt Mädchen bei Handarbeiten im Essener Franz-Sales-Haus, die von Ordensschwestern angeleitet werden.Foto:Franz-Sales-Haus
Foto: WAZ
Vier Heime in NRW waren zwischen 1957 und 1972 offenbar beteiligt. Gesundheitsministerin Steffens kündigt Aufklärung der Versuche an.

Düsseldorf. „Wir bekamen bunte Pillen von den Schwestern“, erinnert sich ein ehemaliges Essener Heimkind, etwa ein halbes Jahr lang. Später auch Spritzen, von denen er sehr müde geworden sei. Bei den jüngst aufgedeckten Medikamententests an Kindern zwischen 1957 und 1972 sollen mindestens vier Kinderheime in NRW beteiligt gewesen sein. Das berichtete gestern Gesundheitsministerin Barbara Steffens aus einer Studie der Arzneimittelforscherin Sylvia Wagner.

Die Ministerin zeigte sich bestürzt, die beschriebenen Versuchsreihen seien „mehr als ethisch fragwürdig“. Vor einer schnellen Entschädigung benötige die Landesregierung jedoch eine Aufarbeitung der Medikamentenversuche und eine Ermittlung der Geschädigten. „Wir gucken im Augenblick noch in eine riesengroße Blackbox.“

Mitwirkung der Landesbehörden

Der Studie zufolge kam es im Franz-Sales-Haus in Essen, in dem Heim Neu-Düsselthal in Düsseldorf, in den Bodelschwinghschen Anstalten in Bielefeld und in den Rheinischen Landeskliniken Viersen zu Versuchen mit Kindern. Hinweise hatte Sylvia Wagner im Archiv des Pharmakonzerns Merck gefunden.

Laut Steffens gab es bei den Medikamententests vermutlich auch eine Mitwirkung der Landesbehörden. In dem Düsseldorfer Heim etwa seien 1966 mit Zustimmung des Landesjugendamtes Psychopharmaka erprobt worden. Heimkinder sollten dadurch ruhiger und lernfähiger werden, berichtetet Steffens. Dieser Fall habe bereits ab 2009 ein Expertengremium beschäftigt.

Zudem habe es mit Zustimmung der Aufsichtsbehörden in mehreren Kinderheimen Pockenimpfungen gegeben, bei denen Mediziner bei Zeitpunkt und Art der Verabreichung offenbar Testgruppen gebildet hatten. Steffens verwies darauf, dass die rechtliche Bewertung der Medikamentenversuche unklar sei. In den 50er- bis 70er-Jahren fehlten noch viele arzneimittelrechtliche Regelungen.

 
 

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