Lafontaine und Schäuble schonen sich gegenseitig

DerWesten
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Hamburg. Seitdem sie beide vor 19 Jahren Opfer von Attentaten geworden sind, verzichten Wolfgang Schäuble und Oskar Lafontaine auf heftige gegenseitige Angriffe. In ihrem ersten gemeinsamen Interview sprach der Linkspartei-Chef von einer "Beißhemmung" gegenüber dem Innenminister.

Seit den beiden Attentaten auf sie im Jahr 1990 verzichten Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) und Linkspartei-Chef Oskar Lafontaine auf heftige gegenseitige Angriffe. Beide Politiker gaben dem Magazin "Stern" jetzt erstmals ein gemeinsames Interview zu den damaligen Vorfällen, bei denen sie jeweils schwer verletzt wurden.

Laut Vorabmeldung vom Dienstag bekannten sie Skrupel, den jeweils anderen in der politischen Auseinandersetzung hart anzugreifen. Schäuble sprach von einer zusätzlichen Hemmschwelle, Lafontaine von einer "Beißhemmung".

Besuch im Krankenhaus

Der heutige Partei- und Fraktionschef der Linken war im April 1990 noch als SPD-Kanzlerkandidat auf einer Wahlkampfveranstaltung von einer geistig verwirrten Frau in den Hals gestochen worden. Schäuble wurde im Oktober desselben Jahres ebenfalls von einem geistig Verwirrten durch Schüsse derart schwer verletzt, dass er seither querschnittsgelähmt ist.

Wie aus dem Interview hervorgeht, hatte Lafontaine Ende November 1990 den schwer verletzt im Krankenhaus liegenden Schäuble zwei Tage vor der Bundestagswahl im Krankenhaus besucht, ohne dies öffentlich zu machen.

In dem Gespräch bedankte sich der CDU-Politiker Schäuble nun dafür: "Mir hat es gut getan. Wenn Sie mir mit dem Krankenhausbesuch helfen wollten, dann haben Sie den Zweck erfüllt. Lafontaine berichtete davon, wie er fast ein schlechtes Gewissen gehabt habe, weil er bei dem auf ihn verübten Attentat glimpflicher davongekommen sei als Schäuble.

Lafontaine: "Ich habe erfahren, wie verletzlich ich bin"

Weiter räumte der Chef der Linkspartei ein, auch heute noch von dem Attentat traumatisiert zu sein. "Ich habe dieses Trauma, dass ich plötzlich völlig aus der Bahn geworfen wurde", wird er zitiert. Innenminister Schäuble formulierte es anders: "Ich bin nicht traumatisiert. Ich bin gelähmt."

Beide Politiker schilderten, wie gravierend der Einschnitt in ihr Leben gewesen sei: "Ich habe erfahren, wie verletzlich ich in Wahrheit bin und war danach innerlich sehr viel unsicherer als zuvor", sagte Lafontaine. Und Schäuble erklärte: "Ich habe eine mir bis dahin völlig unbekannte Erfahrung gemacht: Von einer Sekunde auf die andere kann alles anders sein." (ap)