Kulturrevolution gegen die Fliehkräfte der GesellschaftHarald - Inklusion Siegen 1

Siegen..  Schule. Immer die Schule. Um die dreht sich die öffentliche Debatte beim Stichwort Inklusion. Dabei umfasst die UN-Behindertenrechtskonvention, die den Anlass bildet für deutsche Aktivitäten, alle Gesellschaftsbereiche. Und ist nicht auf Behinderte beschränkt. Das verdeutliche gestern NRW-Sozialminister Guntram Schneider bei seinem Besuch der Uni Siegen.

Der SPD-Politiker stellte Wissenschaftlern und Studenten im Zentrum für die Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE) den Aktionsplan „Eine Gesellschaft für alle - NRW inklusiv“ vor und ließ sich über die Forschungsarbeit informieren. „Das ZPE ist eine Ideenschmiede für die kommunale Umsetzung der Inklusion“, war Schneiders Fazit.

Das ZPE hat seit 2011 die Ausarbeitung eines Aktionsplans für die Stadt Wetter begleitet. Nun schließt sich ein Dissertationsprojekt zu Wahrnehmung und Umgang mit Differenz an. Auch in der Kreisverwaltung Olpe waren die Siegener Wissenschaftler 2011/12 aktiv. Die Behindertenbeauftragte Petra Lütticke zeigte sich überzeugt, dass die Einbeziehung behinderter Menschen die Sensibilität der Verwaltungsmitarbeiter erhöht habe. Aber die Verwaltung sei manchmal träge: „Man braucht einen langen Atem.“

Aber es geht eben nicht nur um Hilfen für Schwerhörige oder Barrierenabbau für Gehbehinderte in Behörden. „Wir müssen die zunehmenden Fliehkräfte in unserer Gesellschaft minimieren“, betonte Schneider. „Deshalb ist Inklusion ein umfassender Entwurf, eine Kulturrevolution: Wir müssen unser Zusammenleben so gestalten, dass alle Menschen überall teilnehmen können.“ Das betreffe neben Bildung auch Arbeit und Wohnen.

In NRW leben 2,6 Millionen Menschen mit Behinderungen, das sind rund 15 Prozent der Bürger. 64 000 Menschen arbeiten in Behindertenwerkstätten. Ihre Zahl steigt. Schneider will sie verringern. Er möchte den Automatismus - von der Förderschule in die Werkstatt - stoppen und möglichst viele Menschen mit Handicaps in den ersten Arbeitsmarkt vermitteln. „Das geht, wenn man will. Die Menschen sind leistungsfähig und leistungswillig.“ Derzeit haben Integrationsunternehmen in NRW 5000 Beschäftigte, die Hälfte davon mit Behinderungen. Der Minister will aber auch bei „normalen“ Firmen Lernprozesse in Gang setzen: „Viele lassen sich angesichts des Fachkräftemangels eine Chance entgehen. Für behindertengerechte Arbeitsplätze stehen Fördermittel zur Verfügung.“

Das ZPE untersucht unterdessen die Voraussetzungen für die Aufnahme behinderter Kinder in die Tagespflege oder das Problem, dass muslimische Kinder von Jugendämtern in christlichen Pflegefamilien untergebracht werden. Daran gibt es heftige Kritik aus der Türkei. „Das als Germanisierung oder Missionierung zu bezeichnen, ist bösartig“, kommentierte Schneider. Generell aber gelte auch für ihn der Wunsch von Johannes Rau nach einer Gesellschaft, in der niemand Angst haben muss, anders zu sein.

 
 

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