Kritik an Ruhrgebiets-Bewerbung für Welterbe-Titel

Feuerwerk bei den Feierlichkeiten zur Kulturhauptstadt Ruhr.2010 auf Zeche Zollverein in Essen.
Feuerwerk bei den Feierlichkeiten zur Kulturhauptstadt Ruhr.2010 auf Zeche Zollverein in Essen.
Foto: Matthias Graben
In diesen Wochen entscheiden Experten darüber, ob das Ruhrgebiet eine Chance hat, schnell zum Weltkulturerbe zu werden. Je näher diese Wahl rückt, desto nervöser werden die Mütter und Väter der Ruhrgebiets-Kandidatur. Manchmal reicht ein kritischer Halbsatz, und die Emotionen kochen über.

Essen.. Kulturexperten aus dem Revier machen sich Sorgen um die Bewerbung des Ruhrgebiets für den Titel Unesco-Weltkulturerbe. Hintergrund ist die Kritik eines Professors an der Revier-Bewerbung. Winfried Schenk von der Uni Bonn hatte signalisiert, dass die Bewerbung besser hätte ausfallen können.

Pikant dabei: Schenk sitzt für NRW in einem Beirat, der die Qualität der 31 neuen deutschen Kulturerbe-Kandidaten prüft. Und NRW hat nur eine Bewerbung eingereicht: die des Ruhrgebietes. Der Beirat will bis März der Kultusminister-Konferenz eine Rangliste der Kandidaten vorschlagen. „Wie kann es sein, dass der, der für NRW in diese Runde geschickt wurde, nicht voll hinter der Revier-Bewerbung steht? Man muss sich fragen, ob dieser Anwalt der Bewerbung aus NRW der richtige ist“, sagte Oliver Wittke, Sprecher der CDU-Bundestagsabgeordneten aus dem Revier.

Bei einer Reise der Ruhrgebiets-Oberbürgermeister nach Berlin hatte Karola Geiß-Netthöfel, Chefin des Regionalverbandes Ruhr, die Abgeordneten aus der Region um Hilfe für die Revier-Kandidatur gebeten. Winfried Schenk hält die Aufregung um seine „einmal in einem Halbsatz“ geäußerte Kritik für übertrieben

Der Kölner Dom ist es, die Wartburg ist es, auch Zollverein in Essen: Weltkulturerbe. Ein Titel, der Glanz verspricht. Diesen Schimmer des Erhabenen und Ewigen könnte eine Region, die vom Spitznamen „Kohlenpott“ verdüstert wird, vertragen. Kumpel Antons alte Heimat auf einer Liste mit der Chinesischen Mauer und Taj Mahal? Das hätte doch was, oder?

Kokerei Hansa, Gasometer und Malakoffturm als Leuchttürme

Also tritt das Revier an, in Ergänzung zu Zollverein Weltkulturerbe zu werden. Als Industrieregion von globalem Wert. Mit „Leuchttürmen“ wie Kokerei Hansa (Dortmund), Gasometer (Oberhausen) und Malakoffturm (Bottrop). Eigentlich ist es eine viel versprechende Bewerbung. Denn Industriekultur ist eine Nische in der ausufernden Liste der Weltkulturerbe-Stätten. Die Unesco könnte ein solcher Antrag überzeugen. Aber sind auch die Juroren im Inland überzeugt?

Im Revier geht die Furcht um, dass das nicht so sein könnte. Natürlich weiß man das nicht genau. Denn die Experten tagen im Verborgenen. Wenn neue deutsche Kandidaten für das Unesco-Weltkulturerbe „geboren“ werden, darf nichts von den Geburtswehen nach außen dringen. Die elf Mitglieder des Fachbeirates, die sich bis März über die Qualität der 31 Vorschläge aus den Bundesländern einigen wollen, scheuen die Öffentlichkeit. Marie-Theres Albert (Cottbus) ist darunter, eine Koryphäe, wenn es um Weltkulturerbe-Stätten geht. Birgitta Ringbeck, die Vertreterin Deutschlands im Welterbe-Komitee der Unesco gehört dazu, der Bremer Landeskonservator Georg Skalecki auch. Und Winfried Schenk von der Uni Bonn. Schenk ist sozusagen der Vertreter von NRW in der Expertenrunde. Und ausgerechnet er hat es gewagt, Kritik an der Revier-Bewerbung zu üben. Bei einer Tagung im Ruhr Museum auf Zollverein.

Hilferuf an die Revier-Abgeordneten

„Nur in einem Halbsatz“, beteuert der Wissenschaftler gegenüber dieser Zeitung. Aber das hat offenbar gereicht, um die Mütter und Väter der Ruhrgebiets-Bewerbung nervös zu machen. Aus den Reihen des Regionalverbandes Ruhr (RVR) erging sogar ein Hilferuf an die Bundestagsabgeordneten aus dem Revier: Stellt Euch hinter die Bewerbung. RVR-Direktorin Karola Geiß-Netthöfel lobt die Industriekultur als „touristisches Alleinstellungsmerkmal“ der Region. Das Projekt Weltkulturerbe sei gut geeignet, um regionale Identität zu fördern. Das NRW-Bauministerium bestätigte zwar, dass der Professor von NRW über die Kulturstiftung der Länder als Beiratsmitglied vorgeschlagen worden war. Er sei aber „kein Interessenvertreter eines Kandidaten“.

Die Meinungsverschiedenheit, um die es geht, ist akademisch und nur was für Feinschmecker. Die Frage ist: Sollte sich die Bewerbung des Ruhrgebiets, wie geschehen, vor allem auf Highlights wie Margarethenhöhe, Muttental oder Landschaftspark Duisburg-Nord konzentrieren? Oder gehört mehr zu einer Industrie-Landschaft? „Wurde bei Zollverein vielleicht die Chance vertan, umliegende Bereiche wie Katernberg und Kray mit zu berücksichtigen?“, fragt Winfried Schenk. Er hätte das wohl gern gesehen. Schenk will aber kein Öl ins Feuer gießen. Er schweigt.

Das Revier hat Chancen

Im Grunde sind sich die Experten einig, dass das Revier Chancen hat. „Deutschland und Europa sind bei den Weltkulturerbe-Stätten überrepräsentiert“, erklärt Schenk. China meldet Ansprüche an. Indien tritt selbstbewusster auf. Afrika bringt sich ins Gespräch. Wenn also Deutschland bei der Unesco punkten will, dann mit ungewöhnlichen Vorschlägen. Warum nicht mit Industriekultur? Ein deutscher Dom oder ein Schloss dürften die Hüter der Weltkultur heutzutage schwerlich beeindrucken.

[kein Linktext vorhanden] Es geht nicht nur ums Prestige. Der Titel Weltkulturerbe ist zumindest an manchen Orten Geld wert. Ein permanenter Sechser im Lotto. Seit Zollverein Ende 2001 das Unesco-Etikett bekam, gehen die Besucherzahlen durch die Decke, stiegen von 400 000 auf inzwischen 1,5 Millionen im Jahr, wie Zollverein-Sprecherin Delia Bösch vorrechnet. 2010 – im Kulturhauptstadt-Jahr – seien es gar 2,2 Millionen gewesen. „Im Schnitt lässt jeder Besucher im Bereich Tourismus und Events 45 Euro hier“, sagt Bösch. Angeblich mehr als der Dom-Besucher in Köln.

Jetzt - oder erst in 20 Jahren?

Das Deutsche Zentrum für Tourismus (DZT) trägt die Namen hiesiger Welterbe-Stätten in Deutschland-Reiseführer, ausländische Zeitungen und Fachzeitschriften. Für Argentinier, Japaner, Südafrikaner oft der entscheidende Reise-Tipp. Um in diese touristische „Pole-Position“ zu kommen, muss das Ruhrgebiet aber eine entscheidende Hürde nehmen. „Kandidaten müssen ihren außergewöhnlichen universellen Wert unter Beweis stellen. Das ist das wichtigste Kriterium“, erklärt Dieter Offenhäußer von der Deutschen Unesco-Kommission.

Der Fachbeirat mit Schenk und den anderen Experten bewertet gerade, welche Kandidaten den Ansprüchen genügen. Sie werden der Kultusministerkonferenz im Frühjahr eine Rangliste vorschlagen. Sie ist die Grundlage für die neue Tentativliste, die die Kultusministerkonferenz 2014 beschließen will. Wer hier auftaucht, wird irgendwann der Unesco als Weltkulturerbe vorgeschlagen. Wer oben auf der Liste steht, früher. Wer unten steht, später. Für das Ruhrgebiet heißt das, es könnte bestenfalls noch in diesem Jahrzehnt zum Weltkulturerbe aufsteigen – oder noch 20 Jahre auf seine Chance warten.

 
 

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