Krieg mit 27 Millionen Toten

Tobias Blasius

Berlin.  Mit Hass- und Durchhalteparolen stachelt ein Propagandaplakat der NSDAP noch 1944 die zunehmend kriegsmüden Wehrmachtstruppen im festgefahrenen Russlandfeldzug zum Weitermachen an: „Bolschewismus ist Sklaverei, Vergewaltigung, Massenmord, Vernichtung! Wehrt Euch! Kampf bis zum Sieg! Kapitulation niemals!“ Der „slawische Untermensch“ soll vernichtet und „neuer Lebensraum im Osten“ erobert werden.

So begründeten Hitlers Propagandastrategen den in seiner Brutalität kaum zu übertreffenden Vernichtungs- und Eroberungsfeldzug, der vor 75 Jahren mit dem Überfall von Nazideutschland auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begann. 27 Millionen Menschen, vorwiegend Zivilisten, fielen ihm zum Opfer - durch Terror, Massenerschießungen und Aushungern.

Eine Open-Air-Ausstellung am Potsdamer Platz in Berlin erinnert seit Dienstag an dieses weitere furchtbare Kapitel deutscher Geschichte. Unter dem Titel „Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion 1941-1945“ wird auf zehn Tafeln mit Fotos und Dokumenten über den Krieg der Wehrmacht im Osten informiert.

In die Vorbereitungen dieses rassistischen Vernichtungs- und Ausrottungskrieges waren viele Verantwortliche eingebunden: SS und Polizei planten gemeinsam mit der Wehrmacht den Massenmord an Juden und Roma, an sowjetischen Kriegsgefangenen und kommunistischen Funktionären sowie an möglichen Widerstandskämpfern.

So werden bis 1942 rund 40.000 sowjetische Kriegsgefangene in Konzentrationslagern wie Sachsenhausen erschossen. Architekten und Städteplaner entwickelten Konzepte für die Besiedlung des „neuen Lebensraumes“ im Osten. Das Reichsministerium für Ernährung plante den Hungertod von Millionen Menschen als Teil der Kriegsführungs-Strategie. Das „Ostministerium“ bereitet gemeinsam mit der SS die Terrorakte gegen die Zivilbevölkerung vor.

Mit der Erinnerung an diese Barbarei tut sich die Bundesrepublik bis heute schwer. Der Angriff von Nazideutschland auf die Sowjetunion sei ein Krieg mit dem Ziel der Vernichtung gewesen, „ein Krieg, brutaler und barbarischer als je ein Krieg zuvor“, sagte Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) bei der Eröffnung der Ausstellung.

Kein angemessener Platz im öffentlichen Bewusstsein

Dieser Krieg habe in Deutschland aus vielerlei Gründen bis heute keinen angemessenen Platz im öffentlichen Bewusstsein. Das müsse sich ändern, sagte Grütters auch in Richtung des anwesenden russischen Botschafters Wladimir Grinin. Sie hoffe, dass die von ihrem Haus finanzierte Dokumentation dazu einen Beitrag leisten werde.

Auch der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Günter Morsch, hofft, dass durch die Ausstellung „dieser furchtbare Krieg in unserer Erinnerungskultur dauerhaft einen würdigen Platz einnimmt“.

Die Freiluft-Dokumentation ist ein Gemeinschaftsprojekt der Ständigen Konferenz der Leiter der NS-Gedenkstätten in Berlin und Brandenburg, deren Vorsitzender Morsch ist.

Die konkrete strategische Vorbereitung Nazideutschlands für einen „Blitzkrieg“ gegen die einst verbündeten Sowjets begann bereits Ende 1940 unter dem Codewort „Fall Barbarossa“, ein Jahr nach der gemeinsamen Eroberung Polens im September 1939. In den frühen Morgenstunden des 22. Juni 1941 greift die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion ohne vorherige Kriegserklärung an.

Ideologisch wurde der Angriffskrieg jedoch bereits unmittelbar nach dem Wahlsieg der Nationalsozialisten 1933 geplant. Nach seiner Machtübernahme informierte Hitler unverzüglich die Spitzen von Wehrmacht, Staat und Wirtschaft über seine Absicht, den „Bolschewismus“ zu vernichten. Die „Eroberung neuen Lebensraumes im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung“ waren das Ziel.

Zu sehen ist die Open-Air-Ausstellung bis 30. April 2017. Mehr dazu: www.orte-der-erinnerung.de