Kliniken müssen Medizintechnik bis zum Verschleiß benutzen

Hochleistungsmedizin ist kostspielig, wie zum Beispiel Transplantationen am Westdeutschen Herz - und Gefäßzentrum am Uniklinikum Essen.
Hochleistungsmedizin ist kostspielig, wie zum Beispiel Transplantationen am Westdeutschen Herz - und Gefäßzentrum am Uniklinikum Essen.
Foto: Kai Kitschenberg
Die NRW-Krankenhäuser brauchen Geld: Laut einer Studie haben sie einen Investitionsbedarf von 12,5 Milliarden Euro - viele fahren auf Verschleiß.

Düsseldorf.. Viele der 364 Kliniken in Nordrhein-Westfalen werden laut Krankenhausgesellschaft NRW systematisch auf Verschleiß gefahren. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) hat in einer Studie zusammengerechnet, dass sich in den vergangenen Jahren landesweit ein Investitionsstau von 12,5 Milliarden Euro gebildet habe.

„Schon heute müssen viele Kliniken dringende Investitionen in Gebäude und Medizintechnik aufschieben oder aus anderen Töpfen bezahlen“, erklärte Jochen Brink, Präsident der Krankenhausgesellschaft NRW. Er forderte die rot-grüne Landesregierung auf, die jährliche Investitionsförderung von zuletzt 500 Millionen auf 1,5 Milliarden Euro zu verdreifachen. Das sei „keine Fantasiezahl“, sondern zwingend notwendig, um die Ausstattung der Kliniken auf dem Stand von Medizin und Technik zu halten, so Brink.

Gesundheitsministerin: Summe ist „befremdlich“

NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) nannte die geforderte Summe von einer Milliarde Euro zusätzlich „befremdlich“. Trotz der ab 2020 greifenden Schuldenbremse habe NRW die Investitionsförderung im vergangenen Jahr bereits um 24 Millionen Euro und in diesem Jahr noch einmal um sieben Millionen Euro angehoben.

Steffens wehrt sich zudem gegen eine Lastenteilung, nach der allein der Steuerzahler für neue Geräte und Gebäude aufkommen solle. Erfolgreiche Krankenhausbetreiber könnten sehr wohl einen Teil ihrer erzielten Gewinne wie jedes andere Unternehmen auch in die eigenen Kliniken investieren. Die NRW-Kliniken steckten bislang aus eigenen Erträgen rund 430 Millionen Euro jährlich in neue Technik und komfortablere Gebäude.

Versäumnisse der Vergangenheit rächen sich

Zudem wird im Gesundheitsministerium bezweifelt, dass sich wirklich notwendige Investitionen in die Versorgungsqualität so pauschal hochrechnen lassen. Da die Kommunen mit rund 40 Prozent an den Investitionsmitteln des Landes beteiligt werden, hätte die geforderte Verdreifachung auch massive Auswirkungen auf die städtischen Haushalte.

Laut RWI-Studienleiter Boris Augurzky rächen sich jetzt Versäumnisse der Vergangenheit. Während die Betriebskosten der Krankenhäuser in NRW seit 1990 um 96 Prozent zugenommen hätten, seien die Fördermittel des Landes im gleichen Zeitraum um 24 Prozent zurückgefahren worden.

Nachholbedarf an Rhein und Ruhr

Für die laufenden Kosten eines Krankenhauses wie Personal und Patientenversorgung kommen die Krankenkassen auf, für Gebäude und Geräte aber sind gesetzlich Land und Kommunen verantwortlich. Bei den Fördermitteln pro Einwohner liege NRW mit 28 Euro auf dem vorletzten Platz eines Bundesländervergleichs, so das RWI.

Besonders massiv ist der Investitionsstau demnach im Ballungsraum Rhein-Ruhr: Allein die Kliniken in Bochum (312 Millionen Euro), Dortmund (636), Duisburg/Mülheim (604) und Essen (534) haben offenbar einen gewaltigen Nachholbedarf. Selbst eine Bereinigung der Krankenhauslandschaft kann an diesem Umstand angeblich nichts ändern. Wenn eine Klinik schließen müsste, fielen nach Berechnungen des RWI 85 Prozent ihrer Kosten dann eben beim Wettbewerber an, erklärte RWI-Experte Augurzky. Auch eine Steigerung von ambulanten Behandlungen lasse keinen Rückgang der Investitionskosten erwarten.

Digitalisierte Diagnostik, Computer- und Magnetresonanztomographen, minimalinvasive Eingriffe – Deutschlands Krankenhäuser seien heute „medizinische Qualitätsführer“, sagte der Präsident der Krankenhausgesellschaft, Brink. Das Land müsse nun investieren, damit die Menschen in NRW auch in 20 Jahren noch unabhängig von Einkommen, Alter und Wohnort vom Fortschritt profitierten.

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