Kirchen nehmen Muslime vor der AfD in Schutz

Ein sieben Meter langes Flüchtlingsboot aus Malta vor dem Kölner Dom. Erzbischof Woelki will die Fronleichnamsmesse an  diesem Boot feiern, um an die vielen Toten im Mittelmeer und die Leiden der Flüchtlinge zu erinnern. „Ich bin überzeugt, heute säße Jesus in dem Flüchtlingsboot“, sagte der Erzbischof am Mittwoch dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.
Ein sieben Meter langes Flüchtlingsboot aus Malta vor dem Kölner Dom. Erzbischof Woelki will die Fronleichnamsmesse an diesem Boot feiern, um an die vielen Toten im Mittelmeer und die Leiden der Flüchtlinge zu erinnern. „Ich bin überzeugt, heute säße Jesus in dem Flüchtlingsboot“, sagte der Erzbischof am Mittwoch dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.
Foto: dpa
Zum 100. Katholikentag gehen Vertreter der Kirchen auf Distanz zur Partei AfD. Deren Hang zur Ausgrenzung einer Religion bedrohe auch die Christen .

Leipzig/Düsseldorf. Im Umfeld des 100. Deutschen Katholikentages in Leipzig üben Kirchenvertreter scharfe Kritik an der rechtspopulistischen Partei Alternative für Deutschland (AfD). Die Religionspolitik der AfD und ihre Islamfeindlichkeit seien auch als Angriff auf die Christen im Land zu verstehen, sagte der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg.

„Auf dem Katholikentag haben menschenverachtende Positionen keinen Platz“, betonte Sternberg, der für die CDU im NRW-Landtag sitzt. Vertreter der AfD waren zu den Diskussionsveranstaltungen in Leipzig nicht eingeladen worden. Kein Rechtspopulist soll dort eine Bühne finden. „Ausgrenzungen haben uns immer nur stärker gemacht“, sagte daraufhin Alexander Gau­land, stellvertretender AfD-Chef, im Magazin „Christ & Welt“. Gauland weiter: „So einen simplen Fehler hätte ich dem Katholikentag nicht zugetraut.“

Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen schloss sich der Kritik an der AfD ausdrücklich an: „Wer unter Berufung auf das ,christliche Abendland’ die Angst vor Fremden schürt, der handelt unredlich“, sagte Kur­schus dieser Redaktion.

Zum Katholikentag erwarten die Veranstalter bis Sonntag 30. 000 Besucher

In Leipzig treffen sich in diesen Tagen Zehn­tausende Christen zum 100. Deutschen Katholikentag. Zum Auftakt am Mittwoch hatten die Veranstalter hinter jeden Programmpunkt „Herzlich willkommen!“ geschrieben. Die freundlichen Worte richten sich allerdings nicht an das Spitzenpersonal der rechtspopu­listischen Partei Alternative für Deutschland (AfD). Das wurde gar nicht erst eingeladen.

Thomas Sternberg, der Präsident des veranstaltenden Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), begründet dies mit der ablehnenden Einstellung der AfD-Politiker zum Islam. Katholiken fühlten sich dadurch ebenso bedroht wie islamische Glaubensgemeinschaften, erklärte Sternberg vor dem Katholikentag in Leipzig. Die AfD lege die „Axt an die Wurzel“ einer religionsfreundlichen Ordnung, kritisierte der CDU-Landtagsabgeordnete aus Münster.

So lehne diese Partei etwa das Tragen des Kopftuches aus religiösen Gründen ab. Die gleichen ­Ansichten könnten zum Beispiel auch bei einem Ordensgewand vorgebracht werden, warnte Sternberg als Chef der Laienorgani­sation ZdK. Wer zudem den islamischen Religionsunterricht ablehne, entziehe auch dem christlichen seine Legitimationsbasis. Auch sehe er die „Stellung in der Öffentlichkeit als Christen“ bedroht, „wenn man Muslime in dieser Art und Weise auszugrenzen versucht“.

Alexander Gauland: „Die AfD ist keine christliche Partei.“

Martin E. Renner, AfD-Sprecher in Nordrhein-Westfalen, bezeichnete die Kritik der Katholiken als „Fehlwahrnehmung der Realitäten“. ­Seine Partei bedrohe keine Mus­lime. „Wir sind nicht religions- und islamfeindlich“, sagte er dieser Redaktion. Der „ideologische Teil des Islam“ verstoße aber in Teilen gegen das Grundgesetz. Renner nannte als Beispiele die Scharia, die Rolle der Frau, das Schächten von Tieren sowie die Beschneidung von Jungen.

AfD-Vize Alexander Gauland kritisierte unmittelbar vor dem ­Katholikentag die Haltung der ­Kirchen zur Flüchtlingspolitik. „Wenn diese das Programm der ­Kirchen ist – dann gebe ich offen zu: Ich bekämpfe das Programm der Kirchen“, sagte Gauland im Magazin „Christ und Welt“. Die AfD sei keine christliche Partei. „Wir sind eine deutsche Partei, die sich bemüht, deutsche Interessen wahrzunehmen“, so Gauland.

Die AfD sieht sich mit einer ­konfessionsübergreifenden Ablehnung konfrontiert. Der katholische Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck hatte zuletzt in „Bild am Sonntag“ erklärt, die Kirche müsse konsequent gegen Fremdenfeindlichkeit eintreten. „Wir müssen dem ­Bedürfnis nach Vereinfachung, das im Rechtspopulismus steckt, die einfachen Botschaften des Christentums entgegensetzen“, sagte er. Die evangelische Präses von Westfalen, Annette Kurschus, warnte gestern die AfD davor, unter Berufung auf das „christliche Abendland“ Angst zu schüren.

In einem Beitrag für das „Dom­radio“ hatte der Kölner Erzbischof Rainer Kardinal Woelki die Positionen der AfD zum Islam scharf kri­tisiert: „Ein Blick ins Grundgesetz hätte gereicht, um festzustellen, dass wir Religionsfreiheit haben. Wer Muslime so wie die AfD-Parteispitze verunglimpft, sollte sich klarmachen, dass Gebetshäuser und Moscheen genauso durch das Grundgesetz geschützt sind wie Kirchtürme und Kapellen“. Nie wieder dürften in Deutschland Menschen aufgrund ihrer Rasse, Herkunft oder Religion aus­gegrenzt oder verfolgt werden.

Albert Henz, Vize der Evan­gelischen Kirche von Westfalen, hatte jüngst in Bezug auf gewalt­tätige Neonazis sogar den Begriff „Kirchenzucht“ ins Gespräch ­gebracht. Gemeint ist der Ausschluss von Kirchenmitgliedern. Dieses Mittel sei bisher praktisch nie genutzt worden. Doch im Falle von aggressiven, gewaltbereiten Neonazis, deren menschenver­achtendes Handeln und Denken nicht mit christlichen Werten ­vereinbar sei, solle man die Kirchenzucht „nicht grundsätzlich ausschließen“, so Henz.

 
 

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