Kirche sucht Aufklärung

Angelika Wölk
Die Kirche will die Missbrauchsfälle der Vergangenheit wissenschaftlich aufarbeiten lassen. Foto: ddp
Die Kirche will die Missbrauchsfälle der Vergangenheit wissenschaftlich aufarbeiten lassen. Foto: ddp
Foto: Kinderschutzbund fordert mehr Ei

Essen. Die katholische Deutsche Bischofskonferenz will weitere Konsequenzen aus dem Missbrauch von Minderjährigen durch Geistliche ziehen. Dazu lässt sie die Taten systematisch und umfassend von Wissenschaftlern untersuchen.

Die Bischofskonferenz hat Forschungsprojekte an zwei der renommiertesten Forscher auf diesem Gebiet vergeben: Professor Norbert Leygraf, Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie und der Universität Duisburg-Essen, und Professor Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN).

Pfeiffer und sein Wissenschaftsteam werden sich intensiv mit Tätern und Opfern auseinandersetzen. In einem ersten Teil soll untersucht werden, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen der Häufigkeit des Missbrauchs und gesellschaftlichen Entwicklungen. „Eine große Untersuchung hat in den USA gezeigt, dass es dort seit den 70-er Jahren einen starken Rückgang des sexuellen Missbrauchs durch Priester gegeben hat“, erklärt Pfeiffer im WAZ-Gespräch. „Wir wollen prüfen, ob das auch für Deutschland gilt.“

Perspektive der Opfer

In Amerika sei der Rückgang parallel zu einer Liberalisierung der Sexualität in der Gesellschaft eingetreten. Die Wissenschaftler vermuten, dass es für Priester, die sich nicht mehr an den Zölibat halten wollten, dann leichter geworden sei, sexuelle Kontakte zu Erwachsenen aufzunehmen. Zum anderen habe aber auch eine Verbesserung der Aus- und Fortbildung von Priestern eine gewichtige Rolle gespielt. „Nun wird zu prüfen sein, ob sich für Deutschland eine entsprechende Entwicklung zeigt.“

Zentral für die deutschen Untersuchungen sei zudem die Perspektive der Opfer. „Wir wollen klären, wie die Opfer die Priester erlebt haben und wie die Kirche mit ihnen später umgegangen ist. Deshalb müssen wir möglichst viele Opfer erreichen.“ Die Kirche wolle dabei helfen, sagt Pfeiffer. Sie werde die ihr bekannten Opfer anschreiben und fragen, ob sie sich an der Studie beteiligen wollen. Sind sie einverstanden, erhalten sie einen detaillierten Fragebogen vom KFN-Team.

Erkenntnisse für die Vorbeugung

Den dritten Teil der Studie bezeichnet Pfeiffer als „die schwierigste Forschungsaufgabe“. Das KFN möchte mit Tätern wie mit Opfern eine auf Tonband aufgezeichnete, ausführliche Befragung durchführen. „Im Idealfall handelt es sich dabei um dieselbe Tat, die Täter und Opfer beschreiben.“ So könnten die Wissenschaftler eine Geschichte aus beiden Blickwinkeln beleuchten. „Alles läuft selbstverständlich streng anonym ab.“

Sowohl die Forscher wie auch die Kirche erhoffen sich nicht nur eine gründliche Aufarbeitung der Missbrauchsfälle aus der Vergangenheit. „Es geht uns ja auch darum, Erkenntnisse für die Vorbeugung daraus abzuleiten“, sagt der Kriminologe. Erste Erkenntnisse der auf drei Jahre angelegten Studie sollen bereits im Frühjahr 2012 vorliegen.