„Kinderrecht auf gesunde Umwelt“

Harald Ries

Hagen.  1960 entstand des entwicklungspolitische Kinderhilfswerk terre des hommes (Erde der Menschen) in Lausanne, 1967 gründete es sich in Deutschland und 1970 in Hagen. Da war Edgar Marsh dabei – und er ist es immer noch. Seit gut einer Woche ist der 67-Jährige sogar Präsident.


Warum sind sie damals zu terre des hommes gegangen?
Edgar Marsh: Ich hatte gerade meine Ausbildung beendet und mehr Zeit. Ich wollte mich politisch betätigen, aber nicht in einer Partei. Ich wollte konkret helfen, aber auch etwas an Strukturen verändern. Kinder sind am ausgeliefertsten, sie brauchen am meisten Schutz. Und ich sah gute Mitgestaltungsmöglichkeiten: Unsere Arbeitsgruppen handeln autonom, erfüllen keine Vorgaben einer Zentrale.

Und das ist 46 Jahre später immer noch so?

Das ist so geblieben und auch die Mischung aus direktem Engagement für Kinder und politischer Einflussnahme. Die Inhalte haben sich natürlich entwickelt. Heute kümmern wir uns viel darum, die Eigeninitiativen der Kinder zu stärken, ihnen zu ermöglichen, sich selbst für ihre Rechte einzusetzen.

Was heißt das konkret?

Wir schicken keine Helfer irgendwo hin, sondern fördern Projekte und Initiativen in den Ländern des Südens. Dabei geht es um Bildung, um die Schaffung von Einkommen, um sichere Räume für Kinder nach Naturkatastrophen oder im Krieg, es geht um Kindersoldaten und Kinderarbeit.

Es gibt Kinder und Eltern, die Kinderarbeit nicht nur negativ sehen ...

Unsere indischen Projektpartner sind da sehr strikt: Kinder gehören in die Schule. Punkt. In Lima oder Bogota wollen die organisierten Kinderarbeiter selbst entscheiden, ob sie nachmittags Zeitungen verkaufen oder Autoscheiben waschen. Sie wollen nur vor Ausbeutung geschützt werden. Wir unterstützen beide Initiativen.

Warum engagieren Sie sich nicht gegen Kinderarmut zu Hause? In Hagen wäre doch viel zu tun.

In Deutschland gibt es ein soziales Sicherungssystem. Anderswo sterben die Kinder. Zudem gibt es andere Organisationen, die das besser können als wir.

Tun Sie etwas für Flüchtlinge?

Wir sind die einzige Organisation, die sich in den Herkunftsländern darum kümmert, Fluchtursachen zu bekämpfen und zugleich Projekte in Deutschland unterstützt, zum Beispiel den Verein für soziale Arbeit und Kultur Südwestfalen in Siegen. Davon unabhängig engagieren sich viele Mitglieder persönlich. Und wir arbeiten mit Flüchtlingsprojekten im Nordirak, in Jordanien und in der Türkei zusammen. Da geht es beispielsweise darum, Ärzte so zu schulen, dass sie traumatisierte Kinder behandeln können. Aber grundsätzlich ist jedes andere Projekt eines zur Fluchtvermeidung.

Wie meinen Sie das?

Auf unseren Vorschlag veranstaltet der Kinderrechtsausschuss der Vereinten Nationen am 23. September in Genf einen Diskussionstag zum Kinderrecht auf gesunde Umwelt. Der 14-jährige Caleb aus Sambia spricht dort über die Vergiftung der Böden durch Schwermetalle, die 15-jährige Ritu engagiert sich in Delhi gegen die Luftbelastung durch Verkehr, die 16-jährige Yina in Kolumbien gegen die Luftverschmutzung durch den Kohleabbau. In Südostasien unterstützen wir Jugendliche aus Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam, die für sauberes Wasser als Lebensgrundlage am Mekong kämpfen.

Wie sehen Sie die staatliche Entwicklungshilfe?

Das bereits 1970 von den UN genannte Ziel von 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens liegt immer noch in weiter Ferne. Deutschland hat sich gerade von 0,42 auf 0,52 Prozent gesteigert, aber nur, weil die Kosten für Geflüchtete im Inland jetzt als Entwicklungshilfe deklariert werden. Und auch der ökologische Fußabdruck Deutschlands liegt weiter über dem, was mit einer nachhaltigen Entwicklung auf einem begrenzten Planeten vereinbar ist.

Leisten Sie auch Katastrophenhilfe?

Eine Zeit lang waren wir davon weg. Jetzt helfen wir wieder bei Notfällen, aber nur da, wo wir bereits Partner vor Ort haben. Das war etwa beim Erdbeben in Nepal so. Wir sind auch Mitglied im Bündnis Entwicklung hilft, zu dem sich sieben Hilfsorganisationen nach dem Tsunami 2004 zusammengeschlossen haben.

Welche Krisen sind aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwunden?

Die Besetzung der Westsahara durch Marokko. Dort leben Menschen seit 40 Jahren in Lagern. In Myanmar ist viel von Aung San Suu Kyi die Rede, nicht davon, dass es dort die meisten Kindersoldaten in einer regulären Armee gibt.

Was erwarten Sie sich für Ihre Amtszeit bis 2018?

2018 ist unsere nächste Delegiertenkonferenz, bei der Ehrenamtliche, Hauptamtliche und Vertreter aus den Partnerländern gemeinsam unsere Strategie für die nächsten fünf Jahre festlegen. Und 2017 wollen wir das 50-jährige Bestehen in Deutschland nutzen, verstärkt auf uns aufmerksam zu machen. Spenden können wir immer brauchen, aber noch wichtiger wäre Zuwachs in den Arbeitsgruppen. Es wird immer schwieriger, Menschen zu einem festen Engagement zu bewegen.