"Jungs sind die Verlierer im Bildungssystem"

München. Jungen sind in der Schule oft schlechter als Mädchen. Das liegt aber nicht daran, dass sie dümmer sind, sie werden nur weniger gefördert, beklagen Experten. Die Benachteiligung von Jungen, so heißt es, könnte sogar eine Ursache für den Amoklauf in Winnenden sein.

Jungen werden nach einer Studie des Aktionsrats Bildung in Kindergarten und Schule massiv benachteiligt. Nicht mehr die Mädchen, sondern die «Jungen sind die Verlierer im deutschen Bildungssystem», sagte der Ratsvorsitzende und Präsident der Freien Universität Berlin, Dieter Lenzen, am Donnerstag in München. Statt auszugleichen, verstärke die Schule den Bildungs- und Leistungsrückstand der Jungen. Am schlimmsten sei die Benachteiligung in den ostdeutschen Ländern.

Mehr Jungs ohne Schulabschluss

«Beim Übergang auf das Gymnasium müssen Jungen eine deutlich höhere Leistung erbringen. Der Weg in die Berufsausbildung ist für Jungen erschwert», kritisierte Lenzen. «Von allen Schulabgängern ohne Abschluss sind 62 Prozent Jungen.» Auch bei den Abiturienten seien die Mädchen ebenso klar in der Mehrheit. Die einstige «Bildungsbenachteiligung des katholischen Arbeitermädchens vom Lande wurde durch neue Bildungsverlierer abgelöst: die Jungen», sagte Lenzen.

Der Dortmunder Professor Wilfried Bos sagte: «Männer sind nicht per se dümmer. Wir werden nur nicht so gefördert.»

Das Risiko für Jungen, in Schule und Beruf zu scheitern, sei am größten in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern. Das fange schon im Kindergarten an, wo der Anteil der männlichen Erzieher unter drei Prozent liege. Auch bei den Abiturienten ist der Anteil der Jungen in Rheinland-Pfalz und in diesen vier Ländern am größten. Am geringsten seien die Geschlechterunterschiede bei Bildung in den Stadtstaaten Hamburg und Berlin.

Mehr männliche Kindergärtner gefordert

Um Jungen besser zu fördern, müssten Männer als Kindergärtner und Grundschullehrer bevorzugt eingestellt werden, forderte der Aktionsrat. Während deutsche Lehrer Spitzenlöhne bekämen, würden Kindergärtner unterbezahlt.

Der Initiator des Aktionsrats und Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, Randolf Rodenstock, sagte, die Bildungs-Ungleichheit «überschreitet die Grenzen des rechtlich und moralisch Hinnehmbaren». Dass zweimal so viele Jungen wie Mädchen keinen Schulabschluss schafften und nur ein Fünftel der Jungen das Abitur machten, könne sich das alternde Deutschland nicht mehr leisten.

Benachteiligung mögliche Ursache für Amoklauf von Winnenden

Lenzen bezeichnete die Benachteiligung von Jungen in der Schule sogar als eine mögliche Ursache des Amoklaufs von Winnenden. Es sei bemerkenswert, dass die meisten Opfer von Tim K. Mädchen und Lehrerinnen und dass die meisten Amokläufer Jungen sind. «Das Bildungssystem schafft es nicht, Jungen in den Zustand psychischer Ausgeglichenheit zu versetzen, der solche Taten ausschließt», sagte der Professor. «An den Auswüchsen sieht man, was an Problemen im System entstehen können.» (ap)

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