Jugendkriminalität: Schnelle Hilfe, langfristige Wirkung

Hannover. Was Thomas Trenczek, Rechts- und Erziehungswissenschaftler, will, ist eine schnelle und wirkungsvolle Aufklärung Jugendlicher. Projekte wie "Buddy" hält er für den richtigen Ansatz.

Braucht die Jugend unerbittliche Strafen?

Prof. Trenczek: Was Hessens Ministerpräsident Koch fordert, braucht niemand. Jugendliche , die straffällig geworden sind, benötigen keine härteren Strafen und schon gar keine Ausgrenzung, indem man sie wegsperrt. Es ist auch gar nicht nötig. Vielmehr geht die Jugendkriminalität nach den Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) seit dem Ende der 1990er Jahre zurück. Nach der PKS wird aktuell lediglich eine leichte Zunahme der Körperverletzungen registriert, dies liegt aber daran, dass Körperverletzungen heute häufiger angezeigt werden. Die erhöhte Sensibilität der Bevölkerung gegen Gewalt ist zu begrüßen, sie darf sich aber nicht nur auf junge Menschen, sondern muss sich auf die Erwachsenenwelt, auf die Familien und die Gesellschaft insgesamt richten. Jugendkriminalität ist überwiegend durch Gelegenheiten ausgelöste, nicht planvoll begangene, unprofessionelle Bagatellkriminalität. Anders die Erwachsenenkriminalität, die deshalb im Schnitt auch schwerer ist. Nicht Jugendliche, sondern Erwachsene sind die Täter von häuslicher Gewalt, von Wirtschafts- und Umweltkrimi¬nalität usw. Allein durch registrierte Wirtschaftskriminalität werden höhere Schäden verursacht als durch die gesamte sonstige Eigentumskriminalität..

Reicht das Strafrecht denn aus?

Prof. Trenczek: Natürlich. Das geltende Jugendstrafrecht ermöglicht eine angemessene und vernünftige Vorgehensweise. Es ist nicht zu weich oder weicher as das allgemeine Strafrecht für Erwachsene, sondern erlaubt flexiblere und der Situation angemessene Maßnahmen... Das geltende Strafrecht reicht zur Aburteilung der Jugendkriminalität aus. Gewaltdelikten ist entschieden und schnell entgegenzutreten. Was nötig ist, ist die schnelle Aufklärung und die angemessene Reaktion auf strafbares Verhalten, die soziale Integration fördert und nicht verhindert. Hierzu die Praxis in den Stand zu setzten, war schon bislang Ländersache. Die jetzigen Kampagnen von Ministerpräsident Koch und der CDU lenken von dieser Verantwortung und von Versäumnissen bzw. einem bewussten Abbau von präventiv wirkenden Maßnahmen der Jugendhilfe in den letzten Jahren ab.

Was hilft dann, um jugendliche Straftäter zu läutern?

Prof. Trenczek: Gewalttätig sind Täter nicht weil sie Jugendliche sind oder aufgrund ihres Migrationshintergrundes, sondern weil sie sozial erfolgloser sind: mit weniger Bildung, aus schlechteren Wohnvierteln und mit hoher Arbeitslosigkeit. Gegen die soziale Integration von auf- und straffälligen jungen Menschen in die Gesellschaft gibt es keine Alternative. Das geht nicht durch Hauruck-Methoden. Politiker müssen inne halten und überlegen, wie man das erreicht. Was vor allem wirkt. Strafrecht kann weder Ersatz noch darf es Lückenbüßer sein für Kinder- und Jugendhilfe, für Sozial- und Integrationspolitik. Die von Ministerpräsident Koch und Teilen der Medien als „Kuschelpädagogik“ diskreditierte Praxis des Jugendkriminalrechts basiert auf den gesicherten Erkenntnissen, nach denen helfende und die soziale Integration unterstützende Reaktionen erfolgreicher sind als die freiheitsentziehenden Maßnahmen, sei es der Jugendstrafvollzug oder der immer wieder geforderte (Warnschuss)Arrest. Diese Tatsache wird auch stets durch die amtlichen Rückfallstatistiken belegt. Danach betrug die Rückfallquote bei Jugendstrafe ohne Bewährung knapp 78%, bei Jugendstrafe mit Bewährung 60%, bei Jugendarrest 70% und bei ambulanten Sanktionen 32%. Es geht vor allem auch um eine verbindliche Pädagogik. Erwachsene müssen als verlässliche und konsequente Vorbilder präsent sein. Ziel ist Förderung der sozialen Handlungskompetenz und die Integration in den Alltag der Normalgesellschaft. Die Jugendhilfe hält allerdings keine - (schein)pädagogischen Allmachtsphan¬tasien entspringenden und aufgrund politischer Zumutungen erwarteten - Zauberlösungen für gesellschaftliche Miseren bereit. .

Wirken Gewalt-Präventions-Projekte wie z.B. die Konfliktlotsen und Streitschlichterprogramme „Buddy“?

Prof. Trenczek: Ja, sicher ein sinnvoller Ansatz. Jugendliche klären Jugendliche über ihr Fehlverhalten auf, die Konfliktparteien regeln ihre Konflikte konstruktiv und einvernehmlich - ohne Gewalt. Da kann Akzeptanz entstehen und ein Einsehen aufkeimen. Wenn junge Menschen an Gleichaltrige appellieren, werden diese ins soziale Netz mit eingebunden. Am Ende sind es die vermeintlich Gewalttätigen selbst, die sich für solche Projekte einsetzen. Wer sich engagiert, wer eine Aufgabe hat, wird verstehen, worum es geht und lernen, dass es auch anders geht. Nicht abwerten und ausgrenzen, sondern einbinden.

Wer hat Schuld?Prof. Trenczek: Die Frage stellt sich so nicht. Es gibt keinen einzelnen Schuldigen. Wir leben in einer zunehmend komplexen und für den Einzelnen nicht mehr überschaubaren Risikogesellschaft. Viele Menschen sind überfordert. Es gibt auch Beispiele einer sog. Wohlstandsverwahrlosung. Sicher sind Eltern für ihre Kinder verantwortlich, die Gesellschaft ist aber für die Gestaltung von kinder- und familienfreundlichen Rahmenbedingungen verantwortlich. Eltern sind nicht immer bereit oder in der Lage, sich um ihre Kinder zu kümmern. Müssen Eltern in mehreren Jobs arbeiten, um über die Runden zu kommen, bleibt oft nicht mehr viel Kraft und Zeit, sich um die Kinder zu kümmern, Kinder sind oft auf sich allein gestellt, viele hängen ohne Aufgabe und ohne eine sinnvolle Aufgabe orientierungslos oder z.B. vor PC und Spielkonsolen herum. Es ist aber heuchlerisch, auf Jugendliche oder die Eltern zu zeigen, so lange Unternehmen mit dem Ziel der Gewinnmaximierung widerliche Gewaltspiele verkaufen. Und vor allem, unsere Gesellschaft scheint viele der jungen Menschen in belasteten Lebenslagen überhaupt nicht mehr zu brauchen. Einerseits kann man in der modernen Gesellschaft viel erreichen und immer wieder neue Wege beschreiten, andererseits haben Kinder mit niedrigem Bildungsstand kaum noch eine reale Chance. Chancen sind dann vor allem Risiken.

 
 

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