Jürgen Todenhöfer kritisiert Umgang der AfD mit Islam scharf

Christopher Onkelbach
„Inside IS“: Jürgen Todenhöfermit Kämpfern des sogenannten Islamischen Staates. Die Erlebnisse seiner riskanten Fahrt nach Syrien und in den Irak fasste Todenhöfer in einem Buch zusammen.
„Inside IS“: Jürgen Todenhöfermit Kämpfern des sogenannten Islamischen Staates. Die Erlebnisse seiner riskanten Fahrt nach Syrien und in den Irak fasste Todenhöfer in einem Buch zusammen.
Foto: Jürgen Todenhöfer
Jürgen Todenhöfer bereiste das Gebiet des „Islamischen Staats“. Im Interview übt der Nahost-Kenner heftige Kritik am Anti-Islam-Kurs der AfD.

Essen. Jürgen Todenhöfer wagte Ende 2014 eine Reise in eine der wohl gefährlichsten Regionen der Erde. Mit seinem Sohn Frederic hat er sich Ende 2014 zehn Tage lang durch das Herrschaftsgebiet des „Islamischen Staates“ (IS) in Syrien und Irak führen lassen.

Die Erlebnisse der riskanten Fahrt fasste er in dem Buch „Inside IS“ zusammen. Am Montag. 6. Juni, stellt Jürgen Todenhöfer (75) den daraus entstandenen Dokumentarfilm bei einer Premiere in der Essener Lichtburg vor. Unsere Redaktion sprach mit dem ehemaligen CDU-Politiker und Nahost-Kenner über seine Erfahrungen, die Bedrohung durch den islamistischen Terror und die AfD.

Sie erlebten die IS aus nächster Nähe – hatten sie nie Angst um ihr Leben?

Todenhöfer: Nein, Angst können Sie sich in einer solchen Situation nicht erlauben, dann haben Sie verloren. Ich habe dem IS eine Liste von Dingen und Personen vorgelegt, die ich sehen wollte und das meiste wurde mir erlaubt.

Kann man mit den IS-Führern verhandeln, Frieden schließen?

Todenhöfer: Kaum! Der Westen verfolgt trotzdem die falsche Strategie. Man kann den Terror nicht mit Bomben bekämpfen, das wurde in Afghanistan 14 Jahre lang versucht, heute sind die Taliban stärker als je zuvor. Die Zahl der Terroristen hat sich seither vervielfacht. Der IS ist eine Ideologie, die kann man nicht erschießen.

Welche Strategie wäre besser?

Todenhöfer: Der IS wird im Irak von der sunnitischen Bevölkerung toleriert, weil sie sich durch die schiitische Mehrheit diskriminiert fühlt. Ich kenne die sunnitischen Führer recht gut, die haben die Nase voll von der Brutalität des IS. Sie wären bereit, den IS zu bekämpfen, sie sind die Einzigen, die ihn auch besiegen können. Wenn der IS durch arabische Sunniten geschlagen würde, wäre er definitiv erledigt. Dieses Angebot liegt den USA vor. Doch stattdessen bombardieren sie Mossul, Falludscha und Ramadi. Sie befreien die Städte nicht, sondern zerstören sie, das ist ein Fehler und treibt die Menschen dem IS zu.

Wieso ist der IS für junge Menschen aus Europa so attraktiv?

Todenhöfer: Den IS könnte man als weltweite terroristische Jugendbewegung ansehen, aber das wäre eine unzureichende soziologische Sicht auf das Phänomen. Es gibt islamistische Gehirnwäscher, die erzählen muslimischen Jugendlichen folgende Geschichte: Ihr werdet in Europa schlecht behandelt, der Westen und die USA begehen im Mittleren Osten mörderisches Unrecht, Kinder werden getötet – und ihr sitzt hier tatenlos herum, während eine große apokalyptische Schlacht zwischen Gut und Böse stattfindet, dort müsst ihr jetzt sein, auf der Seite der Unterdrückten! Zum ersten Mal hören die jungen Menschen, dass sie gebraucht werden. Ich habe in Mossul einen großen blonden Schweden getroffen, der für den IS kämpfte und ihn gefragt, was er hier mache. Er sagte: Hier werde ich gebraucht. Dabei realisieren die Verführten nicht, dass sie am Ende nur Unschuldige ermorden und vor allem Muslime töten.

In Deutschland verfolgt die AfD einen strikten Anti-Islam-Kurs. Wie bewerten Sie das?

Todenhöfer: Die verwechseln den IS mit Islam. Der IS vertritt aber nicht den von über 99 Prozent der Muslime gelebten Islam. Der IS ist wegen seiner Brutalität vielmehr der größte Feind des Islam. Die AfD schert Muslime und unislamische Terroristen über einen Kamm. Die vier bis fünf Millionen Muslime in Deutschland fühlen sich einem massiven Druck ausgesetzt, wenn eine Partei sagt, dass ihre Religion nicht zum Grundgesetz passt.

Der Islam gehört nicht zu Deutschland, behauptet die AfD...

Todenhöfer: Wenn Frau Petry über den Islam spricht, dann gilt das, was sie sagt vielleicht für islamistische IS-Anhänger. Also für einen Bruchteil der deutschen Muslime. Die Mehrheit der Muslime steht fest auf der Seite der Verfassung. Wir haben deutlich mehr rechtsextremistische Gefährder als islamistische. Bedenken sie die Angriffe auf Flüchtlingsheime. Die Gefahr in Deutschland droht von rechts.

Die AfD bezweifelt die Demokratiefähigkeit des Islam und der Muslime...

Todenhöfer: Und ich die Demokratiefähigkeit der AfD. Es gibt Studien des angesehenen „European Social Survey“, die alle zwei Jahre durchgeführt werden und abfragen, wie die Religionen zur Demokratie stehen. Ergebnis: In Deutschland ist die Zufriedenheit der Muslime mit der Demokratie höher als bei Christen. Viele Muslime sind glücklich, in einer Demokratie zu leben. Die AfD betreibt mit ihrer Politik die Spaltung der Gesellschaft und spielt damit dem IS in die Hände.

Wie meinen Sie das?

Todenhöfer: Der IS sieht in demokratischen, westlichen Muslimen Feinde, die man töten muss. Das hat man uns im „Islamisxchen Staat“ mehrfach gesagt. Er sieht in ihnen Verbündete des Westens. Der IS freut sich über Organisationen wie die AfD und Pegida, die die Bevölkerung gegen Muslime aufhetzen spalten, weil er hofft, dadurch neue Anhänger zu gewinnen. Die AfD ist somit der „nützliche Idiot“ der Terroristen, wenn sie die Menschen aufhetzen. Integration liegt viel mehr in unserem Interesse.

Die AfD möchte auch Minarette und den Ruf des Muezzins untersagen...

Todenhöfer: Das zeigt ihre totale Unkenntnis der Verhältnisse in Deutschland. Die tun so, als gäbe es Tausende Muezzins in Deutschland. Tatsächlich ertönt der Ruf nur in drei Städten, in Rendsburg, Neumünster und Gladbeck. Ganze drei Städte! Darüber fassen diese LÖeute Parteitagsbeschlüsse – nicht zu fassen.

Welche Botschaft wollen Sie mit dem Film „Inside IS“ vermitteln?

Todenhöfer: Das ist eine sachliche Dokumentation, die unter schwierigsten Umständen erstellt wurde. Wir wollen nüchtern zeigen, wie das Leben unter IS-Herrschaft abläuft, so wie wir es erlebt haben. Und wir sind der Frage nachgegangen, was der IS mit dem Islam überhaupt zu tun hat. Wir wollen mit dem Film aufklären.

Würden Sie erneut nach Syrien oder in den Irak reisen?

Todenhöfer: Ja sicher. Aber genau diese Reise würde ich nicht mehr machen, das würde ich nicht überleben.

Premiere in der Lichtburg

Der Film „Inside IS“ wird am Montag, 6. Juni, 19.30 Uhr, im Essener Lichtburg-Kino, Kettwiger Straße 36, gezeigt. Eintritt 11 Euro, Vorverkauf über www.reservix.de

Das Honorar für sein Buch sowie den Film spendete Todenhöfer nach eigenen Angaben komplett für Kriegsopfer in Syrien und Gaza.