Jetzt kommt bei Karstadt ein ehrgeiziger Sanierer

Karstadt will wieder mehr Kunden anziehen.Bei einer Sanierung des angeschlagenen Warenhauskonzerns sind auch Schließungen möglich.Foto:Julian Stratenschulte/dpa
Karstadt will wieder mehr Kunden anziehen.Bei einer Sanierung des angeschlagenen Warenhauskonzerns sind auch Schließungen möglich.Foto:Julian Stratenschulte/dpa
Im Zuge der Sanierung des angeschlagenen Essener Warenhauskonzerns Karstadt zeichnen sich erste Filialschließungen ab. Insgesamt gehe es um sechs Standorte, verlautete aus Unternehmenskreisen. Stephan Fanderl soll das Unternehmen sanieren. Einst wurde er als Schlecker-Retter gehandelt.

Essen. Schon kurz nach dem plötzlichen Abschied von Karstadt-Kurzzeitchefin Eva-Lotta Sjöstedt gab es Spekulationen, der bisherige Aufsichtsratsvorsitzende Stephan Fanderl könnte an die Spitze der Geschäftsführung wechseln. Zu diesem Zeitpunkt war noch der deutsch-amerikanische Milliardär Nicolas Berggruen Eigentümer von Karstadt, nicht der österreichische Investor René Benko.

Berggruen hat Karstadt mittlerweile verlassen, doch Fanderl ist geblieben. Er genießt offenbar auch das Vertrauen des neuen Eigentümers. Mehr noch: Fanderl sei „der Wunschkandidat von Benko“ gewesen, sagt ein Insider – und mitnichten eine „Notlösung“ für die wohl schwierigsten Aufgaben in der deutschen Handelsbranche.

Überaus aktiver Aufsichtsratschef

Als möglicher Retter einer Firmenkette wurde Fanderl schon einmal gehandelt – und zwar in Sachen Schlecker. Doch dazu kam es nicht, später ging die Drogeriemarktkette unter. Fanderl wird als forsch und ehrgeizig beschrieben. Der 51-Jährige ist Sohn eines Edeka-Händlers und gilt als ausgewiesener Einzelhandelsexperte. Seine bisherigen beruflichen Stationen waren der Düsseldorfer Metro-Konzern, die Kölner Rewe-Gruppe und der US-Handelsriese Wal-Mart. Die familiären Wurzeln von Fanderl liegen in Ingolstadt, heute wohnt er in Köln.

Bei Karstadt agierte Fanderl seit etwas mehr als einem Jahr als überaus aktiver Aufsichtsratschef. Mitte Juli – wenige Tage nach Sjöstedts Rückzug – trat Fanderl öffentlich in Erscheinung, indem er erklärte, das Unternehmen mache sich seit einiger Zeit Sorgen um mehr als 20 Häuser – ein ungewöhnlicher Vorgang, schließlich arbeiten Aufsichtsräte in der Regel hinter den Kulissen. Fanderl war es auch, der keinen Zweifel daran ließ, dass Karstadt eine harte Sanierung bevorsteht. Dass es bald erste Filialschließungen geben soll, erscheint daher als folgerichtig.

Stammkunden vergrault

Einige seiner Äußerungen konnten als ziemlich unverhohlene Kritik am früheren Karstadt-Chef Andrew Jennings verstanden werden. Es sei versucht worden, Karstadt mit neuen Marken wesentlich jünger zu gestalten, sagte Fanderl einmal. „Die Vermutung liegt nahe, dass viele Stammkunden in diesem Einkaufserlebnis ihr Karstadt nicht wiedergefunden haben.“ Dass Karstadt nun die auf eine junge Käuferschicht ausgerichteten Filialen mit dem Namen „K Town“ in Köln und Göttingen schließen will, kann insofern kaum überraschen.

Eigentlich gehört es zu den ureigenen Aufgaben von Aufsichtsratschefs, bei der Auswahl des Spitzenpersonals in einer Geschäftsführung oder im Vorstand mitzuwirken. Nun wechselt Fanderl bei Karstadt selbst von der einen auf die andere Seite – und löst Interimschef Miguel Müllenbach ab.

Karstadt hat viel Zeit verloren

Im Auftrag von Benko soll Fanderl die überfällige Sanierung vorantreiben. In einem Konzept mit dem Titel „Fokus plus“ wird eine Aufteilung der Warenhauskette in zwei Formate beschrieben: Zum einen soll es Großstadthäuser geben, die sich durch ein besonderes Einkaufserlebnis auszeichnen – zum anderen Karstadt-Filialen in kleineren und mittleren Städten, die insbesondere die Rolle des Nahversorgers für Dinge des täglichen Bedarfs übernehmen.

Bereits Anfang des Jahres hatte Fanderl gesagt, jedes einzelne Haus von Karstadt werde auf den Prüfstand gestellt. Das Management solle sich anschauen, welche der Filialen zügig wieder auf eine positive Bahn zu bekommen seien – „und welche Häuser trotz aller gemeinsamen Bemühungen nicht zu drehen sind“. Eigentlich sollte ein entsprechender Plan innerhalb von zwei bis drei Monaten stehen. Doch mittlerweile sind fast neun Monate vergangen. Jetzt ist Fanderl selbst am Zug.

 
 

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