Japan beginnt Atomunglück von Fukushima zu vergessen

Journalisten besuchen das zerstörte Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi.
Journalisten besuchen das zerstörte Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi.
Foto: reuters
Der japanische Anti-Atomkraft-Aktivist Kazuhiko Kobayashi ist auf Vortragsreise durch Deutschland. Er berichtet von Kindern mit Zysten und Knoten – und dem schwindenden Interesse seines Landes am Unglück von Fukushima.

Dortmund. Er gehört zu den Anführern der japanischen Anti-Atomkraft-Bewegung und ist einer der ärgsten Widersacher des Kraftwerk-Betreibers Tepco in Fukushima: Kazuhiko Kobayashi (66), Germanist, Buchautor, Globalisierungs-Kritiker. Der Japaner hält in diesen Tagen Vorträge in NRW. Am Wochenende war er zum Auftakt in Dortmund.

Kazuhiko Kobayashi redet und schreibt gegen das Vergessen an. Zu Hause sowieso, aber im April auch in Dortmund, Hagen, Münster, Soest und weiteren deutschen Städten (Infos unter: www.ibb-d.de/aktionswochen_deutschland).

Japans AKW-Gegner sind müde geworden

Zwei Jahre nach dem Super-Gau in seinem Heimatland ebbt der Widerstand gegen die Atomkraft in Japan merklich ab. Die Politik, sagt Kobayashi, setze weiter unbeirrt auf die aus seiner Sicht „gefährlichste Technologie überhaupt“.

Und die japanische Bevölkerung? „Sie lehnt sich kaum noch dagegen auf. Teils, weil Millionen Arbeitsplätze von Tepco und seinen Tochter-Unternahmen abhängen, teils weil die Menschen die Dimension der Gefahr gar nicht verstehen.“

Die Tradition verleite zu viele Japaner überdies dazu, der Obrigkeit bedingungslos zu folgen. Da sei kein Auflehnen in Sicht .„Ich mag diese Mentalität nicht. Ich war schon immer ein eher trotziger Junge“, versichert Kazuhiko Kobayashi.

Gewaltige Demos mit Zigtausenden Teilnehmern gab es in den ersten Wochen nach dem Atom-Unfall auf den Straßen von Tokio. Heute, sagt der Aktivist, kommen vielleicht mal 300 oder 400 zusammen.

Der Zustand der Kinder rührt ihn zu Tränen

Kobayashi kämpft mit den Tränen, wenn er über jene 300 000 Kinder spricht, die noch immer mit ihren Familien in der Region Fukushima leben. Die Oberschicht habe sich dort längst verabschiedet. Es blieben vor allem die, die anderswo keinen Job finden. Der Gesundheitszustand vieler Kinder sei, so Kobayashi, extrem Besorgnis erregend. „Die Symptome der Strahlen-Belastung sind deutlich sichtbar.

Im letzten Sommer haben wir 4000 Kinder aus der Region von unabhängigen Medizinern untersuchen lassen. Bei 40 Prozent fanden wir Knoten im Halsbereich, Zysten und andere Veränderungen, die auf Verstrahlung hinweisen.“

Solche Beobachtungen habe man einst in Tschernobyl erst vier Jahre nach dem Unfall machen können, in Fukushima seien diese Symptome bereits nach einem Jahr aufgetreten. Der Aktivist aus Japan hat mit Mitstreitern Geld gesammelt, um eine von staatlichen Behörden und Tepco unabhängige Klinik in Fukushima zu gründen. Ende 2012 wurde sie eingeweiht.

Deutschland könnte es der Welt beweisen

Atomaussteiger Deutschland ist für Japans Anti-Atom-Bewegung der leuchtende Stern. „Wenn dieses hoch entwickelte Industrieland der Welt beweist, dass es ohne Kernkraft auskommt, dann ist das weltweit ein starkes Signal“, lobt Kobayashi.

Für Sabrina Bobowski vom Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk (IBB) in Dortmund ist es wiederum ein starkes Signal, die Stimme der japanischen Anti-Atomkraft-Bewegung nach NRW geholt zu haben. In Dortmund stellten sich zum Start der Europäischen Aktionswochen auch andere Prominente der Diskussion: Annette Kur­schus, Präses der Ev. Kirche von Westfalen, und die Grünen-Bundestagsabgeordnete Bärbel Höhn.

 
 

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