Italien erfasst Fingerabdrücke aller Roma

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Cannes. Die Europäische Union reagiert hilflos auf die Pläne der Regierung Berlusconi, der alle Roma per Fingerabdruck erfassen will. Auch muslimische Einwanderer geraten nun ins Visier.

An den Rändern Roms, Mailands und Neapels gibt es Siedlungen, in denen das Elend greifbar ist. Die meisten ihrer Bewohner sind Roma. Sie leben in notdürftig zusammengezimmerten Hütten, Berge von Müll türmen sich vor den Türen, vielerorts fehlen Toiletten und Waschanlagen. Kinder betteln in den Straßen der Städte, müssen für ihre Eltern den Lebensunterhalt erschnorren.

Den Italienern ist das schon lange ein Dorn im Auge. Als die italienische Regierung deswegen jüngst ankündigte, eine Datenbank speziell für Sinti und Roma anzulegen, hielt sich der Protest in Grenzen. Erfasst werden sollen nicht nur die Namen der Bewohner, sondern auch deren Fingerabdrücke, auch die von Kindern. „Das ist notwendig zur Bekämpfung der Kriminalität“, sagt Italiens Innenminister Roberto Maroni. Es gehe außerdem darum, illegal Eingewanderte aufzuspüren und abzuschieben, das Leben der legal in den Behelfsunterkünften lebenden Bewohner zu verbessern.

„So etwas hat es in der Union noch nie gegeben“

Die Stimmung in Italien gegenüber Zuwanderern wird seit der Amtsübernahme von Ministerpräsident Silvio Berlusconi schärfer. In Umfragen sagen 80 Prozent der Italiener, die Regierung handele genau richtig. Doch die EU reagiert vorerst hilflos. „So etwas hat es in der Union noch nie gegeben“, sagt ein Sprecher der EU-Kommission mit Blick auf die Fingerabdruck-Pläne irritiert. Schließlich geht es ja nicht um illegale Einwanderer aus Drittstaaten, sondern um EU-Bürger, die zum großen Teil sogar die italienische Staatsangehörigkeit haben. Schätzungen zufolge leben rund 150.000 Roma in Italien, die meisten stammen aus Rumänien, etliche aus dem früheren Jugoslawien.

EU-Innenkommissar Jacques Barrot appellierte deshalb gestern in Cannes noch einmal eindringlich an die Mitgliedsstaaten, alles zu unternehmen, um eine Diskriminierung von Europas größter Minderheit zu unternehmen. Doch Italien bleibt stur. Medien zufolge will die Regierung nun auch muslimische Einwanderer ins Visier nehmen. Sie kündigte an, die große Moschee in Mailand schließen zu wollen. „Das ist ein nationales Problem“, sagte Barrot knapp. Man werde aber den Fall im Auge behalten.

 
 

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