Ist Peggy ein Opfer des NSU?

Julia Emmrich

Berlin.  Es klingt wie der Auftakt zu einer neuen Krimiserie: Jahrelang versuchen die Ermittler, Licht ins Dunkel einer Reihe von rechtsterroristischen Morden zu bringen – da wirft ein spektakulärer Fund eine neue, bedrückende Frage auf: Haben die Terroristen auch Kinder umgebracht? Seit die bayerische Polizei DNA-Spuren des NSU-Täters Uwe Böhnhardt in der Nähe des Fundorts von Leichenteilen der ermordeten neunjährigen Peggy gefunden hat, stehen die Ermittlungen an einem Wendepunkt.

Was wissen wir über die Herkunft der DNA-Spur?
Wenig. Der genetische Fingerabdruck stammt zwar mit großer Sicherheit von Uwe Böhnhardt. Wie die DNA-Spur aber an den Fundort von Peggys Skelett gekommen ist, ist unklar. Innenminister de Mazière (CDU): „Dass jetzt der Verdacht besteht, dass einer der NSU-Terroristen auch noch der Mörder der kleinen Peggy sein könnte, ist unfassbar.“

Am Donnerstag war bekannt geworden, dass Ermittler DNA-Spuren von Böhnhardt auf einem Stück Stoff am Fundort von Peggys Skelett entdeckt hatten. Das Mädchen war 2001 im oberfränkischen Lichtenberg verschwunden, 15 Jahre später hatte ein Pilzsammler Reste der Leiche im südlichen Thüringen gefunden. Möglich, dass Böhnhardt am Leichenfundort war, möglich, dass jemand anderes mit einem Stoffstück von Böhnhardt unterwegs war, möglich auch, dass der Stoff zufällig im selben Wald verloren ging. Dass Böhnhardts DNA-Spur Folge einer Verunreinigung oder Verwechslung sein könnte, schließen Experten nahezu aus: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sei eine DNA-Spur von Böhnhardt gesichert worden, heißt es beim BKA.

Die NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos haben sich den Ermittlern zu Folge im November 2011 getötet, um einer Festnahme zu entgehen. Gegen Beate Zschäpe läuft seit drei Jahren ein Gerichtsverfahren. 15 Banküberfälle, zehn Morde und zwei Sprengstoffanschläge zwischen 2000 und 2007 werden dem Trio bislang zur Last gelegt.

Gibt es Verbindungen zwischen dem Mordfall Peggy und den Tätern des NSU?
Schon früher gab es Hinweise auf mögliche Verbindungen der NSU-Täter zu Straftaten aus dem Bereich Kindesmissbrauch. Auf Zschäpes Rechner fand sich Kinderpornografie, in ihrem abgebrannten Wohnwagen fanden die Ermittler Kinderspielzeug und eine Mädchensandale. Eine Zeugin will Böhnhardt und Zschäpe mit einem Mädchen gesehen haben. Hinweise, die bei den Ermittlungen bislang jedoch keine zentrale Rolle spielten. Kritiker halten das für falsch: „Für uns war immer klar: Es gibt Verbindungen der Neonazi-Szene in Thüringen, Sachsen und Nordbayern zur organisierten Kriminalität – Menschenhandel, sexueller Missbrauch, Zwangsprostitution von Jugendlichen“, sagt Martina Renner, Innenexpertin der Linke-Fraktion. „Daher verwundert mich die nun naheliegende Verbindung zwischen dem NSU-Komplex und dem Fall Peggy nicht.“ An den Kindersachen im Wohnmobil der NSU-Terroristen fand sich bislang jedoch keine DNA-Spur der toten Peggy – dafür aber das Genmaterial eines unbekannten Mädchens.

Seit Langem gibt es noch einen weiteren Hinweis, dass Böhnhardt etwas mit Kindstötungen zu tun gehabt haben könnte: Im bislang ungeklärten Fall des neunjährigen Bernd, der 1993 in Jena ermordet wurde, soll ein Schulfreund Böhnhardts gesagt haben: „Ich war’s nicht, das war Böhnhardt.“