Israels Pläne für einen Angriff auf den Iran

dapd
Israelische Luftwaffe greift Ziele im Gazastreifen an
Israelische Luftwaffe greift Ziele im Gazastreifen an
Der Nahe Osten bleibt ein Pulverfass. Definitiv weiß kein wohl kein westlicher Geheimdienst, wie weit der Iran mit dem Bau einer Atombombe ist. Derweil wappnet sich Israel für einen Angriff auf den Iran - mit konkreten Plänen.

Jerusalem. Seit mehr als zehn Jahren bereitet sich Israel systematisch auf einen möglichen Luftangriff auf iranische Atomanlagen vor. Die Drohungen, die der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vor zwei Wochen während seines Staatsbesuchs in den USA äußerte, haben durchaus militärische Substanz.

Israel geht davon aus, dass der Iran sein Uran nicht nur für Kernkraftwerke oder medizinische Zwecke anreichert, wie es aus Teheran immer wieder heißt. Aber auch wenn UN-Inspektoren bisher keinen direkten Beweis für die Existenz eines Atomwaffenprogramms finden konnten, argumentiert die israelische Regierung, dass ihr die Zeit davonläuft. Daher suchte sie in den vergangenen Wochen nach Partnern für einen gemeinsamen Angriff, ließ aber auch wissen, dass sie notfalls im Alleingang handeln würde.

Nach Angaben von israelischen Verteidigungsexperten könnte der Iran in etwa sechs Monaten über waffenfähiges Uran verfügen. Ein bis zwei Jahre würde es dann noch dauern, bis eine Atombombe fertig sei. Allerdings sei das Zeitfenster zum aktiven Eingreifen viel kürzer, weil der Iran parallel daran arbeite, die Atomanlagen unter die Erde zu verlegen und mit Bunkern vor Luftangriffen zu schützen.

24 Flugzeuge für bunkerbrechende Bomben

Israel verfügt über 300 Kampfflugzeuge, von denen rund 100 bei einem solchen Luftangriff eingesetzt werden dürften. Darunter sind 24 amerikanische F-15, die in der Lage sind, die rund 2,2 Tonnen schweren lasergesteuerten und bunkerbrechenden Bomben aus US-Produktion zu tragen. Begleitet würden die Bomber von F-16-Jägern, die für den Luftkampf ideal sind. Für Aufklärung, Kommunikation und weitere Unterstützung können unbemannte Drohnen eingesetzt werden.

Die vermutlichen Ziele eines Luftschlages liegen mehr als 1.000 Kilometer Luftlinie von Israel entfernt und damit zu weit weg, um einen Angriff ohne Auftanken in der Luft durchzuführen. Ein weiteres Problem ist die Flugroute, denn israelische Flugzeuge müssten in jedem Fall den Luftraum von Staaten durchqueren, mit denen sie keine oder belastete diplomatische Beziehungen unterhalten.

Die kürzeste Route ginge über Jordanien und den Irak. Zwar wird beiden Staaten nicht zugetraut, einen israelischen Angriff militärisch zu stoppen. Aber ein unerlaubter Überflug wäre ein massiver Affront, der die beiden arabischen Staaten zutiefst verletzen würde. Jordanien ist derzeit neben Ägypten der einzige arabische Staat mit diplomatischen Beziehungen zu Israel. Sollte Jordanien den Überflug genehmigen, würde es sich zum Ziel eines möglichen iranischen Vergeltungsschlages machen.

Die zweite mögliche Route würde über Saudi-Arabien gehen, das keine Beziehungen zu Israel unterhält. Eine Überfluggenehmigung ist mehr als unwahrscheinlich. 1981 gelang zwar der unbemerkte Flug israelischer Jäger bis kurz vor Bagdad, um die Atomanlage Osirak zu zerstören, jedoch wird es als unwahrscheinlich angesehen, dass dies mehr als dreißig Jahre später noch einmal klappen kann.

Iranische Luftwaffe stark veraltet

Die dritte Möglichkeit ist schließlich der Anflug über die Türkei. Allerdings sind die Beziehungen zwischen der Türkei und Israel seit Juni 2010 stark abgekühlt. Damals starben bei einem israelischen Angriff auf ein Schiff der Gazahilfsflotte neun Türken. Außerdem nutzte die israelische Luftwaffe bereits vor fünf Jahren unerlaubt türkischen Luftraum bei einem Angriff auf eine mutmaßliche Atomanlage in Syrien.

Die militärische Konfrontation mit der iranischen Luftwaffe wird von Experten als ein eher kleineres Problem für Israel angesehen. Der Iran verfügt über stark veraltete amerikanische F-14, die noch zu Zeiten des Schahs in den 70er-Jahren angeschafft wurden, und MIG-Kampfjets aus ehemals sowjetischen Beständen.

Viel schwieriger dürfte es werden, die tief vergrabenen Anlagen im Iran mit den Bomben so weit zu zerstören, dass es einen nachhaltigen Effekt auf das iranische Atomprogramm hätte. Danni Jatom, ehemaliger Direktor des Auslandsgeheimdienstes Mossad, sagt, auch eine teilweise Zerstörung wäre ein Erfolg. "Das würde die Herstellung einer Atombombe um Jahre verzögern", sagt er.

Westliche Geheimdienste sind weiter ratlos in Sachen Iran  

Vertreter westlicher Geheimdienste sehen den Westen zusammen mit Israel weiter ratlos in Sachen Iran. "Die Amerikaner wissen letztlich nicht, wie die Israelis mit gewagten Angriffen eine mögliche iranische Atombombe verhindern wollen und Tel Aviv weiß nicht wirklich, ob Washington im Ernstfall den Israelis militärisch zur Seite stehen würde", sagte ein CIA-Mann in Washington der Nachrichtenagentur dapd.

Trotz der jahrelangen verbalen Auseinandersetzungen sei das Thema ein "Buch mit sieben Siegeln". "Wie, was und wann kommen könnte, steht nach wie vor in den Sternen", sagte der CIA-Vertreter.

Der Standpunkt des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu ist allerdings klipp und klar: "Mit Sanktionen und Diplomatie lässt sich der Iran nicht vom Streben nach Atomwaffen abbringen". Der amerikanische Präsident Barack Obama rät zusammen mit den Europäern jedoch zu größter Vorsicht, weil ein Angriff auf den Iran den gesamten Nahen Osten in Brand setzen würde. Netanjahu würde Zeitungsberichten sogar Raketenangriffe auf Tel Aviv in Kauf nehmen, um eine iranische Atombombe zu verhindern.

Israelischer Zivilschutz schlägt Alarm

Geheimdienstler aus Deutschland wiesen in diesem Zusammenhang auf einen Bericht der kanadisch-jüdischen Zeitung "The Jewish Post & News" hin, wonach offenbar der israelische Zivilschutz nicht ausreichend auf iranische Vergeltungsschläge vorbereitet sei. Für 1,7 Millionen der sieben Millionen Einwohner Israels gebe es keine Schutzräume. Nur 60 Prozent der Israelis hätten Gasmasken, um sich gegen chemische oder biologische Angriffe zu schützen. "Das ist ein schwerer Umstand, der ins Gewicht fällt", erklärte ein Angehöriger des israelischen Geheimdienstes Mossad in Tel Aviv der dapd.

Mit Bedauern stellte der Mossad-Vertreter fest, dass sich das Misstrauen und die Meinungsverschiedenheiten zwischen Washington und Tel Aviv bei dem jüngsten Besuch von Netanjahu in der US-Hauptstadt noch vertieft hätten. Die Iraner würden in dieser Entwicklung "etwas Positives in ihrem Sinn sehen". Zwar seien sich Obama und Netanjahu darüber einig, dass Teheran keine Atombomben haben und Israel sich selbst verteidigen dürfe, aber beide Seiten könnten das gegenseitige Misstrauen nicht überwinden, unterstrich der Mossad-Mann.

Ehemaliger Mossad-Chef warnt

Die israelische Öffentlichkeit wurde durch die Aussagen des ehemaligen Chefs des Mossad, Meir Dagan, aufgeschreckt. Er warnte nachdrücklich vor einem übereilten Angriff auf die iranischen Atomanlagen. Solange nicht alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft seien, sei das nicht der richtige Weg. "Das Spiel auf Zeit wird sich weiter fortsetzen", sagte ein Vertreter des Bundesnachrichtendienstes (BND). "Der Ausgang ist offen". Gleichzeitig wies der BNDler darauf hin, es gebe die Hoffnung, dass der Iran durch die Sanktionen des Westens wirtschaftlich in Schwierigkeiten gerate.

Schon jetzt ist die wirtschaftliche Situation Teherans nach Angaben der westlichen Geheimdienste "ernsthaft ins Schliddern gekommen". Für den Iran werde die Lage noch ernster, wenn die "Stunde X" gekommen ist: Die EU-Außenminister beschlossen Ende Januar, alle Öleinfuhren aus dem Iran in die Europäische Union ab 1. Juli zu verbieten. Die Regierung in Teheran kann die für den Iran "durchschlagenden Sanktionen" nur abwenden, wenn sie der internationalen Gemeinschaft Einblick in das Atomprogramm gebe und damit beweise, keine Atomwaffen zu entwickeln.

"Aufgepeitschte Nationalgefühle"

Der Iran wird verdächtigt, unter dem Deckmantel ziviler Atomforschung Kernwaffen zu entwickeln. Die Regierung in Teheran bestreitet das hartnäckig. Die EU wies am Samstag den internationalen Finanzdienstleister Swift an, keine Überweisungen mehr an iranische Banken vorzunehmen.

Die Geheimdienstler verweisen auf einen anderen akuten Kriegsgrund. Sollte Teheran wegen "aufgepeitschter Nationalgefühle" den Fehler machen, die Straße von Hormus tatsächlich zu sperren, durch die der Hauptteil des für die ganze Welt so wichtigen Erdöls verschifft wird, wäre der Kriegsfall gegeben, erläuterte ein Mossad- Angehöriger. Obama hatte angekündigt, US-Kriegsschiffe würden in dem Fall alle iranischen Seestreitkräfte versenken. "Und wir würden dann an Land im Iran zuschlagen", versicherte der Mossad- Experte.

Bisherige israelische Angriffe auf Atomanlagen 

Zweimal ist Israel mit Waffengewalt gegen Atomanlagen verfeindeter Staaten vorgegangen, weshalb Beobachter davon ausgehen, dass der Staat, der selbst über Atomwaffen verfügt, auch gegen die Atomanlagen im Iran Luftangriffe fliegen könnte:

- Am 7. Juni 1981, einem Sonntag, bombardierte die israelische Luftwaffe den irakischen Atomreaktor Osirak südlich von Bagdad. Die Anlage stand damals kurz vor der Fertigstellung. Der damalige israelische Ministerpräsident Menachem Begin ordnete den Angriff an mit der Begründung, die Anlage könne zur Anreicherung von Uran oder Plutonium für Nuklearwaffen genutzt werden.

- Am 6. September 2007 flog die israelische Luftwaffe einen Angriff auf eine syrische Atomanlage. Ziel der Operation Obstgarten war dieses Mal eine Anlage im Osten Syriens am Fluss Euphrat. 2011 bestätigte die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA), dass es sich bei der zerstörten Anlage Al-Kibar südlich der Stadt Deir al-Sor um einen von Syrien nicht ausgewiesenen Reaktor im Bau handelte.

Die Atomanlagen des Iran 

Die Islamische Republik Iran verfügt im Zusammenhang mit ihrem Atomprogramm über mehrere Anlagen zu verschiedenen Zwecken. Die vier erstgenannten Anlagen gelten als wahrscheinliche Ziele eines möglichen Luftangriffes der israelischen Streitkräfte:

- Natans im Zentraliran ist eine Anlage zur Anreicherung von Uran mit etwa 3.000 dafür notwendigen Zentrifugen.

- Isfahan im Zentraliran ist eine Anlage zur Weiterverarbeitung des uranhaltigen Materials.

- Fordo ist eine unterirdische Anlage nahe der Stadt Kom zur Anreicherung von Uran, die erst 2009 vom Iran ausgewiesen wurde.

- Arak ist eine Anlage im Westen des Irans zur Gewinnung von Schwerem Wasser, welches sowohl für zivile Zwecke als auch militärisch genutzt werden kann.

Weitere Anlagen:

- Buschehr ist das einzige Atomkraftwerk des Landes im Süden des Irans direkt am Persischen Golf.

- Parchin im Norden des Iran ist eine Anlage zur Herstellung von Munition, dort könnten auch Explosivstoffe zur Zündung von Atomwaffen hergestellt werden.

- Gachin ist ein Mine im Südosten des Landes, in der Uranerz abgebaut und verarbeitet wird.