Islam und Flüchtlinge - Die Baustellen der Schulministerin

Die Ranzen sind gekauft, die I-Dötzchen warten sicher ungeduldig auf den ersten Schultag. Auch auf NRW-Schulministerin Löhrmann kommt viel Arbeit zu.
Die Ranzen sind gekauft, die I-Dötzchen warten sicher ungeduldig auf den ersten Schultag. Auch auf NRW-Schulministerin Löhrmann kommt viel Arbeit zu.
Foto: dpa
Vor dem Start ins neue Schuljahr spricht NRW-Schulministerin Löhrmann über islamischen Schulunterricht und die Schulpflicht für Flüchtlingskinder.

Düsseldorf. Turbo-Abitur, Integration von behinderten Kindern in den Regelunterricht und nun auch die Beschulung junger Flüchtlinge: Auf Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) warten nach der Sommerpause viele Baustellen.

Das Turbo-Abitur

Zehn Jahre nach Einführung des „Turbo-Abiturs“ sollte für die stressgeplagten Kinder in NRW ab dem Schulstart am 12. August alles besser werden. Löhrmann hatte im November 40 Verbände und Initiativen auf einen Zehn-Punkte-Plan eingeschworen, der die Rückkehr zum „G9“ wie in Niedersachsen verhindern sollte. Eine Volksini­tiative „G9 jetzt“ sammelte auch in NRW schon mehr als 100 000 Unterschriften. Zahlreiche Ent­lastungen wurden verabredet, ­Erlasse auf den Weg gebracht: weniger Hausaufgaben, Klassenarbeiten und Nachmittagsunterricht.

Doch längst nicht alle der 613 Gymnasien mit Turbo-Abi haben die Erleichterungen zum Schuljahr 2015/16 umgesetzt. Bislang hätten fast alle Gymnasien nur über die neuen Rechtsvorschriften beraten, räumte Löhrmann ein. Man werde im Laufe des Schuljahres „enger den Prozess begleiten“.

Die Inklusion

Zum neuen Schuljahr besuchen gut 39 Prozent der Kinder mit ­sonderpädagogischem Förderbedarf eine Regelschule. Vor zehn Jahren waren es gerade einmal zehn Prozent. Seit einem Jahr haben Eltern in NRW einen Rechtsanspruch, ihr behindertes Kind in eine Regelschule zu schicken. Förderschulen bekommen das zu spüren: Ihre Schülerschaft hat sich um mehr als acht Prozent reduziert.

Löhrmann spricht von einer „maßvollen Entwicklung“ und „Folge des Elternwahlverhaltens“ bei der Integration behinderter Kinder. Der Anteil der „Inklusionsfachberater“ wird auf landesweit 100 verdoppelt. Lehrerverbände wie der Verband Erziehung und Bildung (VBE) sehen die Schulen unzureichend ausgestattet und ­fordern bessere Unterstützung der Lehrer durch Sonderpädagogen.

18 neue Schulen

Der Trend zu Gemeinschaftsschulen hält an. Im Schuljahr 2015/16 gehen acht neue Sekundarschulen und acht neue Gesamtschulen an den Start. Damit erhöht sich die Zahl der Einrichtungen des län­geren gemeinsamen Lernens auf ­landesweit 443. Weichen müssen dafür meist Haupt- und Realschulen, die einen Schülerrückgang von knapp 16 bzw. 7 Prozent beklagen.

Kleinere Klassen

Da die Gesamtschülerzahl in NRW in den vergangenen zehn Jahren um knapp 400 000 auf jetzt 2,5 Millionen Schüler gesunken ist, gibt es Spielraum für kleinere Klassen: In der Grundschule sinkt der „Klassenfrequenzwert“ jetzt auf 22,5 Schüler – die maximal mögliche Anzahl an Schülern pro Klasse beträgt hier gleichwohl 29 Kinder.

Mehr Flüchtlingskinder

Wegen der stark steigenden Zahl schulpflichtiger Flüchtlingskinder will Löhrmann beim Einsatz von Lehrerstellen notfalls nachsteuern. Bisher arbeiten 3800 Lehrer in der zusätzlichen Sprachförderung. Schulpflicht gilt erst für Kinder in den Kommunen – nicht in den Landeseinrichtungen. Getrennte Auffangklassen sollen Ausnahmen bleiben, Flüchtlingskinder auch ohne Deutschkenntnisse schnell am Regelunterricht teilnehmen. Für 2015 erwartet das Land mehr als 10 000 Flüchtlingskinder. Löhrmann: „Wir fahren auf Sicht.“

Belegte Turnhallen

Derzeit sind in NRW 40 Turnhallen mit Flüchtlingen belegt. Viele Schulen verlegen den Sportunterricht im Sommer nach draußen. Ob Sportunterricht ausfällt, entscheidet aber jede Schule selbst.

Ziel der Ministerin ist es, die Turnhallen möglichst schnell für den Unterricht wieder frei zu bekommen. Löhrmann will „ein Auge darauf haben“, dass der Schulunterricht durch erwachsene Flücht­linge auf Schulhöfen so wenig wie möglich beeinträchtigt wird.

Islamische Religion

Drei Jahre nach Einführung des ­islamischen Religionsunterrichts verdoppelt sich im neuen Schuljahr die Zahl der teilnehmenden Schüler. 123 Lehrer werden 13 700 Schüler an 176 Schulen unterrichten. In NRW gibt es ungefähr 320 .000 muslimische Schüler.

Zusätzliche Lehrerstellen

NRW hat 2015 insgesamt 6026 neue Lehrer eingestellt. 851 Stellen konnten bisher nicht besetzt werden, auch weil wegen der starken Zuwanderung 674 zusätzliche Stellen erst kurz vor der Sommerpause bewilligt wurden. Insgesamt gibt es in NRW 151 685 Lehrerstellen. Seit dem Schuljahr 2005/6 hat das Land damit 70 000 neue Lehrkräfte eingestellt. Die Lehrergewerkschaften fordern allerdings deutlich mehr Lehrer und Schulsozialarbeiter, um Flüchtlinge in Vorbereitungsklassen zu beschulen.

 
 

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