IS-Terroristen filmten Mord an Priester in der Kirche

Ein schwer bewaffneter Polizist in der Nähe der Kirche von Saint-Etienne-du-Rouvray, wo am Dienstag zwei IS-Terroristen einen Anschlag verübten.
Ein schwer bewaffneter Polizist in der Nähe der Kirche von Saint-Etienne-du-Rouvray, wo am Dienstag zwei IS-Terroristen einen Anschlag verübten.
Foto: REUTERS
Ein Priester und zwei Terroristen sterben beim Angriff auf eine Kirche in Frankreich. Ein Täter war zuvor auch schon in Deutschland.

Paris..  Frankreich kommt einfach nicht zur Ruhe. Zwei bewaffnete Männer sind am Dienstag in eine katholische Kirche in der Normandie eingedrungen und haben alle sechs anwesenden Menschen zu Geiseln genommen. Sie schnitten dem Priester, der gerade die Morgenmesse feierte, die Kehle durch und verletzten eine weitere Geisel sehr schwer, bevor sie von der Polizei getötet wurden. Keine zwei Wochen nach dem Blutbad auf der Uferpromenade von Nizza ist das Land wieder Opfer eines terroristischen Angriffs geworden.

Eigentlich befand sich Jacques Hamel bereits seit fünf Jahren im Ruhestand. Die Aufgabe, die Morgenmesse in seiner ehemaligen Gemeinde von Saint-Etienne du Rouvray zu lesen, hatte der 85-jährige Priester trotzdem übernommen – im Rahmen einer Urlaubsvertretung. Doch er wird die Zeremonie in der 10 Kilometer südlich von Rouen gelegenen Kleinstadt nicht mehr beenden.

Zwei Männer betreten die Kirche durch den Hintereingang und bedrohen den Priester, drei Ordensschwestern sowie zwei Kirchgängerinnen mit ihren Waffen. Einer der Nonnen gelingt es im Durcheinander der ersten Augenblicke dieser Geiselnahme jedoch, ins Freie zu flüchten und Alarm zu schlagen. Später wird sie aussagen, dass Jacques Hamel von seinen Mördern regelrecht hingerichtet wurde: Die Attentäter hätten ihn auf die Knie gezwungen, und er habe sich gewehrt, sagte die Nonne dem Radiosender RMC. Die Attentäter hätten den Mord zudem gefilmt. Sie sei in diesem Moment geflüchtet.

Keine 15 Minuten später ist die Kirche umstellt und die Gegend weiträumig abgesperrt. Kurz darauf trifft auch Verstärkung aus Rouen ein, unter ihnen Mitglieder einer auf Geiselnahmen spezialisierten Eliteeinheit der Polizei. Höchstwahrscheinlich haben die Täter zu diesem Zeitpunkt Jacques Hamel bereits ermordet sowie eine der Kirchgängerinnen so schwer verletzt, dass sie sie für tot halten.

„Die wollten sterben, als Märtyrer“

Kurz vor elf Uhr dann stürmen die Geiselnehmer in Freie, schreien „Allahu akbar“, fuchteln mit ihren Stichwaffen herum und eröffnen mit einem Revolver das Feuer auf die Ordnungshüter. Sie werden auf der Stelle erschossen. „Die wollten sterben, als Märtyrer“, wird ein Sprecher der Polizeigewerkschaft am Nachmittag kommentieren.

Einer der Täter trug laut der Staatsanwaltschaft einen falschen Sprengstoffgürtel aus Aluminiumfolie um den Bauch und hatte drei Messer dabei. Sein Komplize hielt eine mit Aluminiumfolie umwickelte Küchenuhr in der Hand. In seinem Rucksack fand die Polizei demnach eine Sprengstoffattrappe.

Hollande schwört Franzosen auf „langen Krieg“ ein

Bereits kurz nach Mittag, als der Anti-Terror-Staatsanwalt in Paris die Ermittlungen übernimmt, treffen Staatspräsident François Hollande und Innenminister Bernard Cazeneuve vor Ort ein. Nachdem sie sich mit den Einsatzkräften und den drei unverletzten Geiseln unterhalten haben, spricht Hollande sofort von einem „niederträchtigen Terroranschlag“ und erklärt, dass sich die beiden Täter zur Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) bekannt hätten. „Der IS hat uns den Krieg erklärt“, so Hollande, „aber wir werden alles tun, um diese Bedrohung abzuwenden. Jetzt kommt es darauf an, unsere Einigkeit zu bewahren.“ Insbesondere die Katholiken, aber auch die Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften müssten nun zusammenstehen.

Am Dienstagabend dann sagt Hollande in einer in einer vom französischen Fernsehen übertragenen Erklärung zu dem Anschlag: „Dieser Krieg wird lang sein. Französinnen, Franzosen, stehen wir zusammen. So werden wir den Krieg gegen den Hass und den Fanatismus gewinnen. Denn ich versichere Ihnen, wir werden diesen Krieg gewinnen.“

Einer der Täter wurde schon einmal in Deutschland gestoppt

Es waren nicht allein die Umstände des Angriffes auf die Kirche in der Normandie, die umgehend den Verdacht aufkommen ließen, dass es sich um ein islamistisches Attentat handelt. Einer der Täter laut den Behörden trug eine elektronische Fußfessel, die seine sofortige Identifizierung möglich machte. Laut dem Staatsanwalt handelt es sich um den 19-jährigen Franzosen Adel Kermiche.

Kermiche habe 2015 zweimal versucht, nach Syrien zu reisen, sagte der Pariser Staatsanwalt François Molins am Dienstagabend. Er wurde einmal in Deutschland, einmal in der Türkei gestoppt und festgenommen. In Frankreich wurde daraufhin ein Anklageverfahren eröffnet und Untersuchungshaft angeordnet. Im März dieses Jahres wurde er aus der Untersuchungshaft entlassen und unter Hausarrest gestellt. Laut Molins hatte er aber die Erlaubnis, zeitweise das Haus zu verlassen. Der von der Polizei erschossene Angreifer wurde anhand seiner Fingerabdrücke eindeutig identifiziert. Die Identifizierung des zweiten mutmaßlichen Terroristen sei noch nicht abgeschlossen, sagte Molins.

Im Laufe des Nachmittags bekannte sich der IS dann mit einer knappen Bestätigung im Internet zu dem Anschlag. Bei den beiden Attentätern, so vermeldete das IS-Sprachrohr Amak, handele es sich um Soldaten des Islamischen Staats. Am Dienstagnachmittag meldeten französische Medien eine erste Festnahme nach der Geiselnahme. Der in Algerien geborene 16-Jährige sei der jüngere Bruder einer Person, die mit internationalem Haftbefehl gesucht werde, hieß es. Dieser solle im März 2015 mit den Papieren des identifizierten Angreifers aus der Kirche in das irakisch-syrische Gebiet gereist sein. Die Ermittler führten auch Durchsuchungen durch, die am Dienstagabend noch andauerten.

Hollande appelliert an alle Gläubigen: Haltet zusammen!

(Gottes)-„Häuser, in denen sich die Ungläubigen versammeln“, sind von der IS-Propaganda in der Vergangenheit schon mehrfach als bevorzugte Anschlagsziele ausgelobt worden. In Frankreich stehen religiöse Einrichtungen sämtlicher Konfessionen bereits seit dem April 2015 auf der Liste der besonders zu schützenden Objekte. Damals war nur durch Zufall ein Anschlag auf eine katholische Kirche in einem Pariser Vorort verhindert worden, weil der Attentäter kurz zuvor ein Fluchtfahrzeug rauben wollte, dabei dessen Besitzerin erschoss und sich selber eine schwere Schusswunde zufügte.

Dem Appell von Präsident Hollande an alle Gläubigen im Land, sich nicht gegeneinander aufhetzen zu lassen, weil genau dies die Absicht der Terroristen sei, schloss sich der Sprecher der französischen Bischofskonferenz an. „Wir müssen der Gewalt und dem Hass gemeinsam entgegen treten und gemeinsam für den Frieden beten“, betonte Monsignore Olivier Ribadeau Dumas. Auch Papst Franziskus meldete sich zu Wort. Er verurteilte die Geiselnahme als „sinnlose Gewalt“ und ließ mitteilen, dass er für die Opfer bete.

Dass die Sicherheitskräfte bei der Geiselnahme in Saint-Etienne du Rouvray so rasch zum Einsatz kamen, ist dem als Reaktion auf die blutige Pariser Anschlagserie im November 2015 (130 Tote) verhängten Ausnahmezustand zu verdanken. Ende Juli sollte dieser eigentlich auslaufen, doch nach dem Attentat in Nizza am Nationalfeiertag (84 Tote) wurde er bis Anfang 2017 verlängert.

 
 

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