IS-Terror in Kobane bringt US-Präsident Obama unter Druck

Dirk Hautkapp
US-Präsident Barack Obama (vorne) steht wegen seiner militärischen Strategie gegen die IS-Miliz in den USA in der Kritik.
US-Präsident Barack Obama (vorne) steht wegen seiner militärischen Strategie gegen die IS-Miliz in den USA in der Kritik.
Foto: Imago
„No boots on the ground“" - keine Bodentruppen in Syrien: Das ist bis dato die militärische Strategie von US-Präsident Obama im Kampf gegen den IS-Terror. Doch in den USA mehr sich die Kritik. Obama wird sogar indirekt die Schuld daran gegeben, dass der IS so stark geworden ist.

Washington. „Mängel“, „Widersprüche“, „Lücken“. Solche Vokabeln finden sich nicht nur in Leitartikeln amerikanischer Medien, wenn es gilt, zu Beginn der neunten Woche der Luftangriffe gegen das Terror-Netzwerk „Islamischer Staat“ im Irak und in Syrien die bisherige Strategie von Präsident Barack Obama zu charakterisieren. Mit Jimmy Carter hat jetzt erstmals ein früherer Präsident eine Breitseite auf den Amtsinhaber im Weißen Haus losgelassen. „Wir haben erlaubt, dass der ,Islamische Staat‘ sein Geld, seine Fähigkeiten, seine Stärke und seine Waffen aufbauen konnte, als er noch in Syrien war“, sagte der gerade 90 Jahre alt gewordene Carter dem „Star Telegram“ in Fort Worth und befindet sich damit in prominenter Gesellschaft.

Ex-Verteidigungsminister Leon Panetta wirft Obama in seinem gerade erschienenen Buch „Worthy Fights“ vor, durch den vollständigen Abzug der amerikanischen Soldaten im Irak jenes Vakuum begünstigt zu haben, in dem die Terrormiliz erst gedeihen konnte. Der Verzicht auf eine frühzeitige Bewaffnung von moderaten Kräften in der zersplitterten Anti-Assad-Bewegung in Syrien habe ebenfalls zur heutigen Misere beigetragen.

Krise in Kobane deckt Schwächen der US-Strategie auf

Vor allem unter dem Eindruck der Tragödie um die Grenzstadt Kobane, wo der IS bis zuletzt aus der Zurückhaltung der USA wie der Türkei gleichermaßen Kapital schlug, wird in den USA der Ruf nach einer Kurskorrektur lauter. Der Commander-in-Chief müsse seine Taktik ändern und sich von dem mehrfach gegebenen Versprechen verabschieden, keine regulären Bodentruppen („no boots on the ground“) in die Region zu schicken.

Die Krise um Kobane decke schonungslos die „Risse“ in Obamas Strategie auf und unterlaufe generell die militärischen Anstrengungen gegen die Islam-Terroristen, kommentiert das „Wall Street Journal“. Die „Washington Post“ bilanziert: Die Auflagen, die der Präsident seinen Kommandeuren gemacht hat, seien „nicht vereinbar mit den Zielen, die er ihnen zu erreichen vorgegeben hat“. Sprich: die Schwächung und die Zerstörung des selbsternannten Kalifats.

Droht Kobane ein Massaker wie in Srebrenica?

Sollte es in Kobane, wo zuletzt ein möglicherweise taktisch begründetes Zurückweichen der IS-Milizen gemeldet wurde, am Ende doch zu einem Sieg des IS kommen, stünde der Stadt ein Massaker an Zivilisten bevor wie 1995 im Bosnien-Krieg in Srebrenica geschehen, sagen Experten des Magazin „Foreign Policy“ voraus. Strategisch gewönne das Terror-Netzwerk durch die Einnahme der Stadt nicht nur die Oberhoheit über einen langen Grenzabschnitt zum Nato-Mitgliedsland Türkei. Sondern auch „enorm an Prestige unter radikalen Muslimen“, was wiederum als Mittel zur Rekrutierung weiterer Kämpfer dienen würde. „Die Dschihadisten werden behaupten, sie hätten ein Amerika bezwungen, das nicht in der Lage war sie zu stoppen.“

Dass die Lage in der Krisen-Region trotz nunmehr über 350 Luftangriffen auf IS-Stellungen keine echte Trendwende gebracht hat, räumen hohe US-Militärs intern längst ein. „Ich fürchte, Kobane wird fallen“, sagte Generalstabschef Martin Dempsey im Fernsehen. Nächte Woche wird Obamas wichtigster Kommandeur die Vertreter von rund 20 Partner-Ländern, darunter Dänemark, Großbritannien, Frankreich, Saudi-Arabien und Kanada, in Washington zu Gast haben, um über den zügigen Aufbau einer Streitmacht am Boden in Syrien zu beraten, ohne die laut Dempsey ein Erfolg gegen den IS „unwahrscheinlich bleibt“.

USA scheuen sich vor Abnutzungskrieg im Mittleren Osten

Bisher gilt noch Obamas Dekret, wonach GI‘s nicht darunter sein werden. So soll ausgeschlossen werden, dass die USA abermals analog zu Afghanistan und Irak in einen jahrelangen Abnutzungskrieg im Mittleren Osten verwickelt werden. Aber die Zusage wackelt. Weil der Aufbau einer verlässlichen Truppe in Syrien, die sich aus gemäßigten Rebellen und Assad-Gegnern speisen soll, mindestens ein Jahr dauern wird, sei eine Planänderung dringend nötig, sagen die republikanischen Obama-Kritiker John McCain und Lindsey Graham.

Sie fordern den umgehenden Einsatz von US-Bodentruppen, um weitere Geländegewinne des IS zu verhindern. Anders als in der anfangs erfolgreichen Luft-Kampagne gegen die Taliban in Afghanistan 2002 könnten amerikanische Kampf-Piloten nicht einmal auf eigene Späher am Boden setzen, die zur präzisen Zielansteuerung nötig seien. Ein Detail, das auch am Mittwoch im Pentagon zur Sprache kam. Obama ließ sich dort von seinen Generälen über die widrige Lage in Syrien ins Bild setzen. Schlussfolgerungen seien in den nächsten Tagen zu erwarten, hieß es.