Iran plant offenbar Vergeltungsschlag im Irak im Fall von US-Angriff in Syrien

Die USA bereiten einen Militärschlag gegen die syrischen Streitkräfte vor, weil sie es als erwiesen ansehen, dass Damaskus Chemiewaffen gegen Rebellen und Zivilisten eingesetzt hat.
Die USA bereiten einen Militärschlag gegen die syrischen Streitkräfte vor, weil sie es als erwiesen ansehen, dass Damaskus Chemiewaffen gegen Rebellen und Zivilisten eingesetzt hat.
Foto: dpa
Die USA haben einem Zeitungsbericht zufolge eine Anordnung aus dem Iran zu Angriffen auf amerikanische Ziele im Irak für den Fall eines Militärschlags gegen Syrien abgefangen. Ein mögliches Ziel sei die US-Botschaft in Bagdad, heißt es in einem Medienbericht. Derweil droht zwischen den USA und Russland eine Eiszeit.

St. Petersburg.. Die US-Sicherheitsbehörden erwarten nach Informationen des "Wall Street Journal" iranische Vergeltungsmaßnahmen im Fall eines US-Angriffs in Syrien. Die Geheimdienste hätten die Botschaft eines hohen iranischen Funktionärs an schiitische Milizionäre im Irak abgefangen, meldet die Zeitung am Freitag online. Darin würden die mit Iran verbündeten Extremisten aufgefordert, US-Einrichtungen anzugreifen, wenn Syrien angegriffen werden sollte. Die Geheimdienste befürchten demnach auch Vergeltungsschläge gegen US-Einrichtungen im Libanon sowie auf US-Schiffe im Persischen Golf.

Die USA suchen derzeit beim G20-Gipfel in St. Petersburg Unterstützung für einen Waffengang gegen die syrische Führung um Präsident Baschar al-Assad. Sie machen Assad für den Tod von mehr als 1400 Menschen am 21. August nach dem mutmaßlichen Chemiewaffenangriff verantwortlich.

Spekulationen zu Giftgas-Einsatz

US-Waffenexperten haben Hinweise, dass das abgeworfene Giftgas in einem Vorort von Damaskus tatsächlich zur Tötung von mehr als 1400 Menschen ausreichte. Der MIT-Physiker Theodore A. Postol und der Waffendesign-Experte Richard M. Lloyd untersuchten auf Grundlage von Internet-Bildern und Videos die eingeschlagenen Sprengkörper in einem Vorort der syrischen Hauptstadt Damaskus. Sie seien zu dem Ergebnis gekommen, dass die Raketen bis zu 50 Liter tödlichen Sarin-Gases transportieren konnten, heißt es in der Analyse, die Postol der Nachrichtenagentur dpa und anderen Medien am Donnerstag zugänglich machte. Diese Menge reiche aus, um nicht nur einige Hundert, sondern tatsächlich fast 1500 Menschen zu töten.

Die USA sind überzeugt, dass das syrische Regime am 21. August Giftgas gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt hat und dass dabei 1426 Menschen gestorben sind. Diese Totenzahl wurde unter anderem deshalb angezweifelt, weil auf Bilddokumenten von der Einschlagstelle der Rakete kleinere Behälter identifiziert wurden, in denen das Giftgas vermutet wurde. Sie hätten demnach nicht genügend Gas für so viele Tote enthalten können. Postol und Lloyd widersprachen dieser Einschätzung nun. Die Giftgas-Rakete sei geschickt konzipiert worden: Die kleinen Behälter seien Teil eines Sprengsatzes gewesen, welcher einen wesentlich größeren Gas-Kanister öffnete, als die Rakete einschlug.

Beilegung des Bürgerkrieges auf dem Verhandlungsweg

"Ich habe keine Information darüber, wie viele Kanister abgefeuert wurden und wo sie landeten", sagte Postol der dpa über die Ergebnisse. "Aber wenn man beweisen will, dass mehr Menschen getötet werden konnten, dann ist dies sicherlich ein Beleg dafür." Eine Entscheidung von Präsident Barack Obama soll zudem erst nach Abstimmungen im US-Kongress fallen.

Parallel hoffen die USA weiterhin auf eine Beilegung des Bürgerkrieges auf dem Verhandlungswege. An möglichen Verhandlungen in Genf müsse auch Russland teilnehmen, sagte der stellvertretende US-Sicherheitsberater Ben Rhodes am Rande des G20-Gipfels in St. Petersburg. Zugleich erneuerte er die Vorwürfe an Gipfel-Gastgeber Russland wegen dessen Unterstützung für das Regime in Damaskus.

Treffen von russischen und US-Abgeordneten zu Syrien-Krise geplatzt

Nach der Weigerung des US-Repräsentantenhauses, eine Delegation russischer Parlamentarier zu Gesprächen über den Syrien-Konflikt zu empfangen, wird der Ton zwischen Moskau und Washington immer rauer. "Die Weigerung, unsere Argumente auf parlamentarischer Ebene anzuhören, zeigt, wie sehr unsere amerikanischen Partner die Schwäche ihres eigenen Standpunkts erkennen", teilte der Vorsitzende der Staatsduma, Sergej Naryschkin, am Freitag mit und sagte die geplante Delegationsreise ab. Der sicherheitspolitische Berater von US-Präsident Barack Obama, Ben Rhodes, sagte daraufhin, Russland habe zur Syrien-Debatte in den USA ohnehin "nichts beizutragen".

Der Sprecher des US-Repräsentantenhauses, der Republikaner John Boehner, hatte ein Treffen mit den russischen Abgeordneten am Donnerstag abgelehnt. "Die Delegation russischer Parlamentarier wird nicht in die Vereinigten Staaten reisen, um über die Syrien-Frage zu beraten", erklärte daraufhin am Freitag Naryschkin laut russischen Nachrichtenagenturen. Rhodes sagte schließlich am Rande des G-20-Gipfels in St. Petersburg, Russland gehe "den Kernproblemen aus dem Weg" und weigere sich "zu handeln".

Russland warnt USA vor Angriff auf syrisches Chemiearsenal 

Russland hat die USA vor einem Angriff auf syrische Chemiewaffenlager gewarnt. Moskau sehe "mit Sorge", dass militärische Einrichtungen für das Chemiearsenal unter den möglichen Zielen für eine Attacke der USA seien, erklärte das russische Außenministerium am Freitag in Moskau.

Ein Angriff der USA oder ihrer Verbündeter berge das Risiko, dass "hochgiftige" Stoffe austreten könnten - mit entsprechenden "Folgen für die Zivilbevölkerung und die Umwelt". Zudem erhielten möglicherweise "Rebellen und Terroristen" Zugriff auf Chemiewaffen, hieß es weiter.

Russland schickt derweil ein weiteres Kriegsschiff Richtung Syrien: Das Landungsschiff "Nikolai Filtschenkow" der Schwarzmeerflotte habe den Hafen in Sewastopol auf der ukrainischen Halbinsel Krim verlassen, meldete die Agentur Interfax am Freitag unter Berufung auf den Stab der russischen Kriegsmarine. Das Boot der Alligator-Klasse kann bis zu 20 Panzer an Bord nehmen sowie bis zu 300 Soldaten. Moskau ist ein enger Partner des Regimes in Damaskus und hatte zuletzt mehrere Kriegsschiffe in Richtung Syrien in Gang gesetzt. Sie sollten notfalls helfen, russische Bürger in Sicherheit zu bringen, betonte der Chef der Präsidialverwaltung, Sergej Iwanow.

Ban warnt eindringlich vor Militärschlag gegen Syrien 

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat die USA eindringlich vor einem Angriff auf Syriens Machthaber Baschar al-Assad gewarnt. "Eine unbedachte Militäraktion könnte ernste und tragische Folgen haben und die Gefahr weiterer sektiererischer Gewalt erhöhen", sagte Ban am Rande des G-20-Gipfels am Freitag in St. Petersburg.

Ein Drittel der syrischen Bevölkerung sei inzwischen auf der Flucht vor der Gewalt, viele andere Menschen seien in die Kämpfe verwickelt. "Eine weitere Militarisierung muss verhindert und stattdessen die Suche nach einer politischen Lösung wiederbelebt werden", sagte Ban.

Merkel traf sich mit Erdogan

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) traf sich am Freitag in St. Petersburg mit Ban. Beide strebten die "schnellstmögliche" Vorlage des Syrien-Berichts der UN-Inspekteure an, hieß es anschließend aus deutschen Regierungskreisen. Wann die Ergebnisse der Untersuchung zum Giftgaseinsatz aber tatsächlich vorliegen werden und ob dies noch vor der anstehenden Entscheidung der USA über einen Militäreinsatz geschieht, blieb unklar.

Einig waren sich Merkel und Ban den Angaben zufolge, dass die UNO bei der Bewältigung der Syrien-Krise "im Spiel" bleiben solle. Merkel traf sich in St. Petersburg auch mit dem türkischen Regierungschef Recep Tayyip Erdogan, der einen Militärschlag gegen Damaskus befürwortet.

Gauck: Giftgasangriff angemessen beantworten 

Bundespräsident Joachim Gauck hat eine gemeinsame Reaktion der Weltgemeinschaft auf die mutmaßlichen Giftgasangriffe in Syrien gefordert. "Ich wünsche mir, dass die Völkergemeinschaft sich zusammenrauft und die Grausamkeit eines Gasangriffs, der seit Jahrzehnten geächtet ist, angemessen beantwortet", sagte Gauck am Freitag im Deutschlandradio Kultur. Er zeigte aber auch Verständnis für die Haltung der Bundesregierung: "Wir müssen, wenn (dpa/afp/rtr)