Integration von Flüchtlingskindern: Alltagsfrust an Schulen

Bevor junge Flüchtlinge eine reguläre Schulklasse besuchen, werden sie in sogenannten Vorbereitungsklassen für den Unterricht fit gemacht. In diesen Gruppen lernen sie unter anderem die deutsche Sprache.
Bevor junge Flüchtlinge eine reguläre Schulklasse besuchen, werden sie in sogenannten Vorbereitungsklassen für den Unterricht fit gemacht. In diesen Gruppen lernen sie unter anderem die deutsche Sprache.
Foto: picture alliance / dpa
Experten fordern mehr Personal und gemeinsame Angebote angesichts der 80 000 Flüchtlingskinder in den NRW-Schulen. Volle Klassen, frustrierte Lehrer

Dortmund.. 40.000 im vergangenen Jahr, nochmals 40.000 in diesem – wie kann das ohnehin angespannte Schulsystem in Nordrhein-Westfalen so viele Flüchtlingskinder zusätzlich verkraften? Sie unterrichten, fördern und integrieren? Die meisten sprechen kaum Deutsch, manche haben noch nie eine Schule gesehen, einige traumatische Erfahrungen gemacht im Krieg, auf der Flucht. Sie benötigen viel Betreuung und Förderung – doch viele Lehrer fühlen sich überfordert.

Über Herausforderungen, Chancen und Hindernissen der Integration von Tausenden Flüchtlingskindern in den schulischen Alltag haben Experten aus Wissenschaft und Politik beim „1. Bildungsdialog“ des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der Technischen Universität Dortmund diskutiert.

Einzelne Elternabende nicht genug

Wie bringt man die Kinder überhaupt zusammen? Der Marburger Sozialpsychologe Ulrich Wagner bemühte die „Kontakttheorie“: Gegenseitige Vorurteile können abgebaut werden, wenn sich die Gruppen auf Augenhöhe begegnen, ein gemeinsames Ziel haben und von Autoritäten begleitet werden. Die Vorbereitungsklassen für Flüchtlinge müssen in die Schulgemeinde eingebunden werden, es sollte gemeinsame Angebote geben etwa im Sport, zudem sei ein rascher Übergang in die Regelklasse sinnvoll.

Ulf Matysiak leitet in Berlin eine Organisation („Teach First Deutschland“), die Hochschulabsolventen in Brennpunktschulen schickt. Deren Erfahrungen fasste er so zusammen: Die soziale Integration der Flüchtlingskinder sei zunächst wichtiger als die schulische Leistung. Die Lernmotivation der Kinder sei extrem hoch, dies gelte es zu nutzen. Eltern müssten in das Schulleben aktiv einbezogen werden, sporadische Elternabende seien da zu wenig. Die Kinder bräuchten zudem eine Perspektive, wie es für die weitergehe. Hilfe auf dem Weg durch das komplizierte deutsche Schulsystem sei nötig.

Im Alltag sind fast alle frustriert: Lehrer, Schüler, Schulleiter

Soweit die Theorie. Aus der Praxis berichtet eine Mitarbeiterin eines Kommunalen Integrationszentrums in NRW: „Die Klassen sind proppevoll.“ Die Lehrer sind frustriert, die Rektoren sind frustriert und die Schüler auch. Sie haben das Gefühl, ihre Probleme kommen zu kurz.“ Sie schaffe es kaum noch, Flüchtlingskinder an Schulen unterzubringen. „Manche Schulleiter stellen sich stur oder fühlen sich überfordert.“ Viele Lehrer fühlten sich aufgerieben zwischen Integration der Flüchtlingskinder, Inklusion Behinderter und dem Förderanspruch aller anderen Schüler.

Die neuen Anforderungen an das Schulsystem durch den Zuzug der Flüchtlingskinder machen alte Schwachstellen des Bildungssystems wie unter einer Lupe sichtbar, waren sich die Experten einig. Es fehle nicht nur an passenden Konzepten und individueller Betreuung, sondern auch an speziell geschulten Lehrern sowie Sozialpsychologen. „Es geht hier nicht nur um Flüchtlingskinder“, stellte die Dortmunder Integrationsexpertin Christiane Bainski klar. „Wenn in naher Zukunft die Mehrheit der Schulanfänger nicht mehr Deutsch als Muttersprache hat, muss sich das gesamte Bildungssystem darauf einstellen.“

Im Zuge des raschen Zustroms im vergangenen Jahr musste vielerorts improvisiert werden, räumte Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) ein. Sie verwies auf die Anstrengungen des Landes, 2015 und 2016 seien 6431 neue Stellen eingerichtet worden, davon 1200 Integrationsstellen für die Sprachförderung. Lehrergewerkschaften genügt das nicht, sie fordern überdies 2400 Grundschullehrer und 7000 Sonderpädagogen. Es fehle zudem an Studienplätzen und Professoren, gab der Dortmunder Bildungswissenschaftler Wilfried Bos der Ministerin mit auf den Weg.

EURE FAVORITEN