„Integration in Deutschland ein Erfolgsfall“

Mehr Fachleute braucht das Land. Ausländische Absolventen, die in Deutschland studiert haben, sollten zum Bleiben motiviert werden, fordern Experten.
Mehr Fachleute braucht das Land. Ausländische Absolventen, die in Deutschland studiert haben, sollten zum Bleiben motiviert werden, fordern Experten.
Foto: waz / Frank Vinken

Essen. Während die Politiker noch debattieren, schreiten Wissenschaftler zur Tat. Sie schlagen ein Drei-Säulen-Modell für die Zuwanderung von Fachkräften vor. Die Politik müsse anerkennen, dass Integration in Deutschland ein Erfolgsfall sei.

Während die Politik darüber streitet, ob Deutschland überhaupt Zuwanderung von Fachkräften benötigt und wenn ja, wie sie geregelt werden soll, haben Wissenschaftler bereits Antworten gefunden. Sie schlagen konkret ein Drei-Säulen-Modell vor.

„Die Bundesregierung sollte sich mehr um eine gezielte und effektive Steuerung von Zuwanderung bemühen“, fordert der Migrationsforscher Prof. Klaus Bade. Statt „integrationshysterische Strömungen“ aufzugreifen, müsse die Politik anerkennen, „dass Integration in Deutschland, auch im internationalen Vergleich, ein Erfolgsfall ist. Auch wenn sie selbst die Integration jahrzehntelang verschlafen oder sogar behindert hat“, so Bade zu DerWesten. Daher fordert der Vorsitzende des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR), jetzt „mehr Engagement für eine effektive Zuwanderungssteuerung“.

Mindesteinkommen senken

Konkret empfiehlt der Sachverständigenrat der Bundesregierung ein Drei-Säulen-Modell: Das bisherige Mindesteinkommen für ausländische Fachkräfte von 66 000 Euro pro Jahr sei vor allem für den Mittelstand „deutlich zu hoch“. Diese Grenze sollte auf etwa 40 000 Euro gesenkt werden. Zweitens sollten ausländische Hochschulabsolventen, die hier studiert haben, stärker zum Bleiben motiviert werden. Bislang haben sie nach dem Studium nur ein Jahr Zeit, eine angemessene Stelle zu finden. Diese Frist solle auf zwei Jahre verlängert werden, so der SVR. Die dritte Säule bildet ein Punktesystem, das sich auf Berufe mit einem aktuellen Arbeitskräftemangel beschränkt, also vor allem in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT).

Dass sich der Fachkräftemangel damit allein nicht beheben lässt, ist den Experten klar. „Wir brauchen eine Kombinationsstrategie“, sagt die Politikwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des Sachverständigenrats, Gunilla Fincke. Heimische Arbeitskräfte müssten besser qualifiziert werden, vor allem Jugendliche ohne Berufsausbildung. Die Einführung von zwei obligatorischen, kostenlosen Kindergartenjahren seien für die frühe Förderung dringlich, empfahl der SVR schon früher. Auch die schulische Förderung müsse verbessert werden. „Das allein wird aber nicht reichen“, sagt Gunilla Fincke. „Wir sind de facto ein Auswanderungsland, Hochqualifizierte zieht es fort.“ Das vom SVR vorgeschlagene Drei-Säulen-Modell wäre ein erster Schritt, um im harten internationalen Wettbewerb um kluge Köpfe besser zu bestehen. „Es ist ein Signal nach außen mit der Botschaft: Deutschland will Einwanderung“, erklärt Fincke.

Bedarf steigt

Klar grenzt sich der SVR von Thilo Sarrazin oder Prof. Gunnar Heinsohn ab, die zwar auch den Zuzug von Hochqualifizierten fordern, zugleich aber den Bezug von Hartz IV-Leistungen befristen möchten, um so mit den Armen auch die Bildungsfernen abzuschaffen. Fincke sagt: „Zuwanderer von Hartz-IV auszuschließen, halte ich für Blödsinn. Eine Zuwanderung in die Sozialsysteme gibt es nicht“, stellt sie fest – abgesehen von Flüchtlingen, deren Aufnahme eine humanitäre Pflicht ist. Wer hier arbeiten will, müsse schon jetzt für seinen Lebensunterhalt sorgen können, sonst erlischt die Aufenthaltsgenehmigung. Die Sozialstandards sollten bestehen bleiben, meint die Wissenschaftlerin, daher sei es wichtig, die Zuwanderung so zu steuern, dass sie direkt in den Arbeitsmarkt mündet.

Der Bedarf an Fachkräften werde weiter steigen, dem können sich die Parteien auf Dauer nicht verschließen, glaubt Fincke. Zu lange habe die Politik bei Zuwanderung und Integration mit „klaren Richtungsentscheidungen“ gezögert, ergänzt Prof. Bade. Die Rache für diese Versäumnisse „heißt heute Sarrazin“.

 
 

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