In ziemlich großen Fußstapfen

Brilon..  Ach, immer diese Nummer mit den Fußstapfen. Selbstverständlich sind die groß, vielleicht sogar riesig. Schließlich schaffte es Vorgänger Franz Müntefering bis in den Olymp der deutschen Politik. Als Bundestags-Urgestein. Als Minister. Als SPD-Vorsitzender, als Vizekanzler. Als Vorzeige-Sauerländer in Berlin. 73 Jahre alt war „Münte“, als er im vergangenen Herbst aus dem Polit-Karussell ausstieg; sein Nachfolger für den Wahlkreis HSK, Dirk Wiese, ist 31, einer der jüngsten SPD-Bundestagsabgeordneten überhaupt. Und auch ein echter Sauerländer.

100 Tage gibt man Politikern in der Regel in ihrer neuen Funktion. Dann müssen sie sich einigermaßen zurechtgefunden haben in der anderen Umgebung. Diese Zeit ist nun um für Wiese. Und wie war’s? „Am Anfang habe ich mich bestimmt nicht so oft verlaufen wie andere Einsteiger“, sagt Wiese und lacht. Schließlich kannte er sich als persönlicher Referent Münteferings schon ein bisschen aus im Maschinenraum der Macht.

Neue Aufgaben, Menschen und Lebensbedingungen kennenzulernen, das kostet erst einmal Zeit. Und Geduld. „Wer in seinem Bundestagsbüro ein Bild aufhängen will, muss zwei Telefonnummern wählen. Eine für den, der das Loch bohrt, und die andere für den, der dann den Rahmen anbringt“, sagt Wiese augenzwinkernd. „Es muss halt alles seine Ordnung haben.“

Auch bei den Wahlen in den Fachausschüssen. Wiese, den gelernten Juristen, schickte seine Fraktion in den Rechtsausschuss und in den für Ernährung und Landwirtschaft. Erste offizielle Amtshandlung: ein Besuch bei der Grünen Woche. In der Arbeitsgruppe Recht wollten die Saaldiener ihm und einer jungen Kollegin keine Stimmzettel geben – mit dem Hinweis „Mitarbeiter und Praktikanten dürfen hier nicht wählen.“ Anfängerschicksal.

Ist Wiese etwa zu jung für den Bundestag? „Nein“, sagt er, „jede Altersgruppe sollte in die Lage versetzt werden, eine vernünftige Politik zu machen.“

Er selbst hat mit der „vernünftigen Politik“ vor gut elf Jahren in Brilon angefangen. Weil ihm nicht gefiel, wie damals in der Öffentlichkeit mit dem SPD-Bürgermeisterkandidaten umgegangen wurde, trat er in die Partei ein, wurde sachkundiger Bürger im Stadtrat. „Hier bekommt man als SPD-Mann relativ schnell verantwortungsvolle Aufgaben.“ Nun ja, das Sauerland ist nicht gerade die Hochburg der Sozialdemokraten. Nach dem Jura-Studium und einer Station im Auswärtigen Amt holte Münte ihn als persönlichen Referenten.

Und dann ging alles ziemlich schnell mit dem Plan, in den Bundestag einzuziehen. Mit der Kandidatur. Mit der SMS aus Berlin am Wahlabend: Du bist drin. „Eigentlich war das so nicht geplant“, sagt Wiese und fragt sich vielleicht manchmal, ob er im richtigen Film sitzt.

Im Wahlkampf haben der BVB-Fan und sein Team einen eigenen „Zehn-Punkte-Plan“ für das Sauerland aufgestellt. Selbstverständlich geht es darin um den geografischen Wandel, um die Pendlerströme, um Fachkräftemangel und um Weltmarktführer, die das auch bleiben sollen.

Definitiv ein Vorbild - auch für kurze Sätze

Mal sehen, was der „junge Mann“ davon umsetzen kann. Die Arbeit geht ja jetzt erst richtig los. Denn die Koalitionsverhandlungen mit der Union waren eigentlich nur die Fortsetzung des Wahlkampfes mit anderen Mitteln. Nicht die Wähler mussten überzeugt werden, sondern die Genossen. „Vor ein paar Monaten konnte ich mir auch nicht vorstellen, Angela Merkel mal zur Kanzlerin zu wählen“, sagt Wiese heute. Das dürften viele Sozialdemokraten ähnlich sehen.

Berlin ist groß, Brilon klein. Aber im Sauerland erdet sich der Politiker. Als Torwart des SV Brilon in der Fußball-Kreisliga, als Fahrer des Bürgerbusses und als Mitglied des Stadtrates. Das möchte Wiese auch nach den nächsten Kommunalwahlen bleiben („Lieber Stadtrat als Aufsichtsrat.“). Er kandidiert wieder, weil er nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch in der Heimat etwas bewegen will.

Auch Müntefering hat so angefangen. Ist er ein Vorbild? „Definitiv. Für pragmatische, soziale Politik und für kurze Sätze...“

Übrigens: Die „Praktikanten“-Kollegin von Dirk Wiese in der Arbeitsgruppe Recht war Michelle Müntefering. Die Gattin des Mannes mit den großen Fußstapfen.

 
 

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