In Wien tummeln sich die Schlapphüte

Foto: imago stock&people

Wien. Wien ist nicht frei von Klischees: Mit dem Fiaker vom Prater ins Kaffeehaus und dann noch einen Walzer. Weniger bekannt ist, dass die österreichische Hauptstadt auch ein beliebter Treffpunkt von Geheimdienstlern aus aller Welt ist. Die Behörden bleiben mit Blick auf eigene Interessen tolerant.

Der Kalte Krieg ist seit 20 Jahren vorbei, aber eines hat sich in Wien nicht geändert: Die österreichische Hauptstadt ist nicht nur Magnet für Touristen, sondern auch für Geheimagenten aus aller Welt. Wie zu Zeiten des Eisernen Vorhangs finden Spione aus Ost und West auch heute in Wien einen Ort, an dem sie relativ unbehelligt ihrer geheimen Tätigkeit nachgehen können. Am 13. Januar wurde der tschetschenische Oppositionelle Umar Israilow auf offener Straße erschossen - ein Mord, der dem Agentenmilieu zugerechnet und wie so viele andere wohl nie aufgeklärt werden wird.

Die Behörden halten sich zurück

"Österreich ist immer noch ein bevorzugter Ort für Agenten», sagt Siegfried Beer, Leiter des Zentrums für Geheimdienst, Propaganda und Sicherheitsstudien ACIPPS in Graz. «Sie sind den Behörden oft bekannt, werden aber selten in ihrer Tätigkeit behindert. Alles wird mit Wohlwollen und Diplomatie geregelt. Da gibt es hier eine lange Tradition», sagt Beer.

Der Russland-Kritiker Israilow war wichtigster Zeuge im Verfahren gegen den pro-russischen tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow. Er hätte in einem österreichischen Prozess gegen Kadyrow wegen Folter- und Mordvorwürfen aussagen sollen. Der Fall Israilow ist nur einer von vielen. Wenige Monate zuvor, im Oktober 2008, hatten Unbekannte versucht, den nach Wien geflüchteten ehemaligen Chef des kasachischen Geheimdienstes, Alnur Musajew, zu entführen.

Wirtschaftliche Interessen Österreichs im Blick

Österreich stehe beispielhaft für derlei Affären, die niemals aufgeklärt würden, sagt der Journalist Kid Möchel, der das Buch «Spionagedrehscheibe Wien» geschrieben hat. «Sobald es irgendeinen politischen Hintergrund für Kriminalfälle gibt, fangen die Behörden an, sich seltsam zu benehmen.»

Auch Peter Pilz, der Verteidigungsexperte der österreichischen Grünen, ist davon überzeugt, dass in Wien ganz besonders günstige Bedingungen für Agenten herrschen: «Einige Regimes wie Russland oder der Iran genießen hier Freiheiten, die ihnen nirgendwo sonst gewährt werden», sagt Pilz. Die Verantwortlichen würden dabei schlicht und einfach die wirtschaftlichen Interessen Österreichs im Auge haben und diese nicht aufs Spiel setzen wollen.

Einer der Top-Treffpunkte für Agenten

Im Fall Israilow erhebt Pilz schwere Vorwürfe gegen die Wiener Regierung: An dessen Ermordung trage das Innenministerium eine Mitschuld. Schließlich habe der Tschetschene vor seinem Tod mehrfach vergeblich Polizeischutz beantragt, weil er sich bedroht fühlte.

Nach Einschätzung der Experten hat Wien als Drehscheibe zwischen West und Ost weltweit mit die höchste Agenten-Dichte. In der Stadt an der Donau, Sitz zahlreicher internationaler Gremien wie der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) und der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), wohnen nicht weniger als 17.000 Diplomaten - «und ungefähr die Hälfte von ihnen hat Verbindungen zu den Geheimdiensten», sagt Beer.

Waffen leicht zu beschaffen

Nicht nur das eigenartige Verhalten der österreichischen Behörden ist für die Agenten attraktiv. In Wien, einst Schauplatz des legendären Spionagethrillers «Der dritte Mann», sei es auch relativ einfach, an Waffen zu kommen und Geld waschen zu lassen, sagt der Grünen-Politiker Pilz. In den vergangenen Jahren sind hunderttausende Flüchtlinge nach Österreich gekommen, unter ihnen 20.000 Tschetschenen. Und so hat allein Russland nach den Schätzungen der Experten mindestens 500 Geheimagenten in Wien im Einsatz, die vor allem mit der Überwachung der Exil-Tschetschenen beschäftigt sind.

Auch das österreichische Innenministerium rechnet nicht mit einem Ende der regen Agententätigkeit: «Österreich wird auch künftig Operationsgebiet fremder Nachrichtendienste bleiben, was auch an der unverändert hohen Zahl nachrichtendienstlicher Mitarbeiter belegt wird», heißt es nüchtern im Verfassungsschutzbericht 2008. (AFP)

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