Historiker: Forderung nach Reparationen nicht ignorieren

Historiker Constantin Goschler findet die Verknüpfung von Reparationen mit Staatsschulden unmoralisch. Trotzdem müsse sich Berlin bewegen. Ein Interview.

Bochum.. Erneut fordert die griechische Regierung Reparationen für Kriegsschäden aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Bundesregierung lehnt das ab. Aber so einfach ist das nicht, meint Constantin Goschler. Seit Jahren befasst sich der Professor für Zeitgeschichte an der Ruhr-Uni Bochum mit der deutschen Wiedergutmachungspolitik.

Sind die griechischen Reparationsforderungen gerechtfertigt?

Constantin Goschler: Ich halte das für problematisch. Es ist der Versuch eines politischen Befreiungsschlags. Griechenland sitzt wegen seiner Schulden auf der Anklagebank. Während sich die Deutschen gerne als ehrliche Kaufleute sehen, stehen die Griechen als unzuverlässige Geschäftsleute da. Aus dieser Situation will Athen herauskommen und verweist darauf, dass auch Deutschland nicht ohne Schuld ist. Die griechische Regierung greift aus psychologischen Gründen das Thema auf, um darauf vorzubereiten, dass Athen seine Schulden nicht bezahlen wird.

Hat Griechenland juristische Ansprüche auf Wiedergutmachung?

Constantin Goschler: Es gibt keine stichhaltige juristische Begründung dafür. 1953 hat man im Londoner Schuldenabkommen erklärt, dass die Reparationsfrage bis zum Abschluss eines Friedensvertrags mit Deutschland verschoben wird. Nach der Wiedervereinigung hätte man einen Friedensvertrag schließen können, doch die Regierung Kohl hat es vermieden, die Reparationen erneut auf die Tagesordnung zu bringen. Man hat im Zwei-Plus-Vier-Vertrag 1990 eine Konstruktion geschaffen, die das Thema ausblendete.

Hat sich Deutschland also aus der Verantwortung gestohlen?

Constantin Goschler: Es ist letztlich eine politische Frage. Man kann nicht nach 70 Jahren entdecken, dass es hier noch eine offene Frage gibt. Das würde auch die europäische Integration infrage stellen. Dies war ja ein Prozess, um aus der leidigen Schuldfrage herauszukommen. Der Umfang aller Forderungen stand ja in keinem Verhältnis zur Wirtschaftskraft Deutschlands nach dem Krieg. Der Gedanke der Westintegration wurde bald wichtiger als die Reparationsfrage. Es war eine Lehre aus dem Versailler Vertrag, dass wahnsinnig hohe Reparationen nicht sinnvoll sind.

Wären Zahlungen an Griechenland ein Präzedenzfall?

Constantin Goschler: Wenn man mit Griechenland die Reparationsfrage aufmacht, müsste man das mit allen ehemaligen Kriegsgegnern ebenfalls machen. Entweder alle verzichten oder keiner. Eine Herauslösung Griechenlands ist gar nicht möglich.

Ist Wiedergutmachung eher eine Frage von Politik und Moral?

Constantin Goschler: Die deutsche Seite kann das Thema nicht abwürgen. Sie muss sich damit auseinandersetzen, dass Griechenland unter der grausamen Besatzungsherrschaft gelitten hat. Sich hier zu engagieren, hielte ich für richtig. Doch die Verknüpfung der Reparationsfrage mit der griechischen Schuldenkrise sollte man keinesfalls akzeptieren. Das sollte die deutsche Regierung als unmoralisch zurückweisen. Denn das bedeutet ja auch eine Funktionalisierung der Opfer.

Was also wäre nun eine angemessene Reaktion?

Constantin Goschler: Man könnte das Modell einer Stiftung wählen, dafür gibt es beispielsweise mit Polen Vorbilder. Das könnten etwa zivilgesellschaftliche Projekte zur Erinnerungskultur oder auch zur Entschädigung individueller Opfer sein, die Deutschland finanziert. Der Vorteil: Das Geld würde nicht in den griechischen Staatshaushalt fließen, sondern bliebe auf zivilgesellschaftlicher Ebene.

Wird die Bundeskanzlerin auf Athens Forderungen eingehen?

Constantin Goschler: Da bin ich skeptisch. Wir haben eine europäische Friedensregelung geschaffen, die jenseits einer Politik von Schuld und Strafe steht. Doch die Bundesregierung sollte das Verlangen Athens nicht kaltschnäuzig vom Tisch wischen, sondern kreativ darüber nachdenken, was man jetzt tun könnte.

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