Helmut Kohl wollte jeden zweiten Türken loswerden

Daniel Freudenreich

Berlin. Man stelle sich einmal vor, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) würde allen Ernstes beabsichtigen, jeden zweiten Türken aus Deutschland loszuwerden. Undenkbar! Zu Helmut Kohls (CDU) Anfangszeiten im Kanzleramt war das noch anders. Das belegen spektakuläre Geheimdokumente der britischen Regierung.

Demnach wollte Kohl jeden zweiten Türken – also Hunderttausende – mit Geld ködern, damit sie Deutschland verlassen. Dies habe der CDU-Kanzler der damaligen britischen Regierungschefin Margaret Thatcher bei ihrem Besuch in Bonn anvertraut. „Kanzler Kohl sagte, (...) über die nächsten vier Jahre werde es notwendig sein, die Zahl der Türken um 50 Prozent zu reduzieren – aber dies könne er noch nicht öffentlich sagen“, steht demnach in einem geheimen Gesprächsprotokoll vom 28. Oktober 1982, aus dem „Spiegel Online“ zitierte. „Es sei unmöglich für Deutschland, die Türken in ihrer gegenwärtigen Zahl zu assimilieren“, heißt es weiter in dem Papier, dessen 30-jährige Geheimhaltungsfrist nun abgelaufen ist.

Kohl: Gesellschaftlicher Konsens

Was heute verstörend klingt, mag 1982 in Teilen gesellschaftlicher Konsens gewesen sein. So jedenfalls verteidigte Kohl gestern seine Äußerungen. Seine Aussage „war damals auch in Deutschland bereits Teil einer hinreichend und breit geführten Debatte zur Ausländerpolitik“, verlautete er über sein Berliner Büro. Tatsächlich waren auch von anderen Politikern in jenen Tagen harsche Töne zu hören. „Mir kommt kein Türke mehr über die Grenze“, sagte Amtsvorgänger Helmut Schmidt 1982 der „Zeit“.

Es war die Zeit, in der rund 1,5 Millionen Türken in Deutschland lebten. Längst war klar, dass viele der als Gastarbeiter angeworbenen Arbeitskräfte nicht wieder in ihr Heimatland zurückkehren wollten. Stattdessen zogen die Angehörigen nach Deutschland. Immer mehr Bürger betrachteten die Immigranten als Konkurrenten um ihre Arbeitsplätze, während in der Bundesrepublik die Wirtschaft schwächelte und 1,8 Millionen Menschen eine Arbeit suchten.

Also versuchte es Kohl mit Geld. 1983 verabschiedete die schwarz-gelbe Koalition ein Rückkehrfördergesetz. Doch nur wenige Türken ließen sich mit 10 500 Mark Abschiebegeld und der Auszahlung ihrer Rentenbeiträge zur Rückkehr in die Heimat bewegen.

„Abstrus und schwachsinnig“

Der Chef der Deutsch-Türkischen Parlamentariergruppe, Johannes Kahrs (SPD), hält Kohls Idee rückblickend für „abstrus“ und „schwachsinnig. Kohl war noch nicht so weit im Kopf, um zu erkennen, dass man die Leute integrieren muss“, sagte Kahrs der NRZ. Zehn Jahre später war es offenbar soweit. 1993 erleichterte er die Einbürgerung, indem Ausländer der dritten Generation, die hierzulande geboren waren, den deutschen Pass bekommen konnten.

Was Kohl, der seit Jahren eine türkische Schwiegertochter hat, damals plante, hält auch Sevim Dagdelen heute für undenkbar. Gleichwohl sei Türkenfeindlichkeit immer noch in Teilen der Union vorhanden, sagte die Linken-Bundestagsabgeordnete der NRZ mit Blick auf die Debatte zur Aufhebung der Optionspflicht bei der Staatsangehörigkeit. „Doch heute ist sie subtiler“, findet Dagdelen.