Helden sterben doch

Kiew..  Auf der Institutskaja-Straße haben sich hunderte Menschen um zwei Geistliche geschart, die vor einem Holzkreuz stehen. Die Menge singt leise das Lied, das der Maidan damals, im Februar 2014, jede volle Stunde anstimmte. „Für die Freiheit opfern wir Körper und Seele.“ Die ukrainische Nationalhymne klingt jetzt wie ein Trauerlied.

Heute vor einem Jahr endete die Maidan-Revolution in Kiew mit einem Sieg der pro-europäischen Rebellen. Aber mehr als 100 Aufständische und über ein Dutzend Milizionäre bezahlten ihn mit ihrem Tod. Und er forderte noch viel blutigere Zinsen.

Alexander Zarenko gehört zu den Legenden des Maidans. Ein 47-Jähriger mit vernarbtem Glatzkopf, Amateurfußballtrainer, Afghanistanveteran und Unterführer der Maidan-Selbstverteidigung. Beim Sturmangriff der Sicherheitskräfte in der Nacht auf den 18. Februar geriet ihr Stab, das Gewerkschaftshaus am Maidan, in Brand. Zarenko erlitt schwere Verbrennungen, schleppte trotzdem einen halbtoten Kameraden aus den Flammen. Nachdem im April der Krieg im Donbass ausbrach, schloss er dem Freiwilligenbataillon „Aidar“ an, bei den Kämpfen um den Flughafen von Lugansk durchschlug eine Kugel seinen Kopf, er überlebte auch das.

Ein billiges Café am Bahnhof, schwarzer Tee, Zarenko schüttet lächelnd etwas Kognak dazu. Er hat einen Aidar-Kameraden mitgebracht, Oleg Sobkow, 42, auch er Maidan-Veteran. Warum die beiden dort von November bis Februar gestanden, gefroren und geblutet haben? „Wir waren gegen Janukowitschs Gangsterregime“, sagt Sobkow. Aber beiden fällt es schwer, das Erlebte zu diskutieren. Immer wieder unterbrechen sie sich selbst, fingern an ihren Smartphones, zeigen neue Fotos: Zarenko vor der Barrikade auf der Gruschewski-Straße, Sobkow mit seinem Maschinengewehr an der Front… Aber vor allem Fotos von Kameraden, die auf dem Maidan erschossen wurden, im Lazarett liegen, in der Ostukraine gefallen sind. „Michailo Sawoljuk war wirklich ein Held“, erzählt Zarenko, „er hat sich und einen Trupp Rebellen mit einer Handgranate in die Luft gejagt.“

Es begann gewaltfrei

Der Aufstand auf dem Kiewer Maidan-Platz begann Anfang November 2013 als gewaltfreier Studentenprotest gegen die Entscheidung des Staatschefs Viktor Janukowitsch, das unterschriftsreife Assoziierungsabkommen mit der EU abzulehnen. Hunderttausende gesellten sich dazu, monatelang demonstrierten sie friedlich, aber Janukowitsch verweigerte alle Zugeständnisse, am 18. Januar gab es die ersten Toten. Die Proteste gerieten zur Straßenschlacht, die blaugelben Wollmützen der Aktivisten wichen erst orangen Bau-, dann Stahlhelmen. Am 18. Februar scheiterte ein Sturmangriff der Sicherheitskräfte, 17 Tote, darunter 7 Polizisten. Am 20. Februar kam es zu einer offenen Schießerei, 50 Rebellen und 7 Ordnungshüter starben im Kugelhagel. Am nächsten Abend floh Janukowitsch aus Kiew.

Um das blutige Finale ranken sich wilde Verschwörungstheorien, russische Staatsmedien faseln, US-Scharfschützen hätten das Blutbad am 21. Februar angezettelt. Der ukrainische Geheimdienstchef Naliwaitschenko behauptet, Putin-Berater Surkow persönlich habe eine Brigade russischer Scharfschützen dirigiert. Tatsächlich eröffneten die Sicherheitskräfte ihr Feuer auf vordringende Maidankämpfer als Reaktion auf das erste Gewehrfeuer der Gegenseite. Schon am Morgen des 20. Februar waren auf dem Maidan Kampfgruppen mit Jagdgewehren zu sehen. Sowohl die BBC wie die ukrainische Zeitung „Vesti“ interviewten einen Aufständischen, der gestand, die Polizisten 10 bis 20 Minuten beschossen zu haben.

„Jetzt müssen wir bezahlen“

Ein Jahr danach herrscht Krieg, die Wirtschaft ist marode. „Poroschenkos Regime ist so korrupt wie das Janukowitschs“, schimpft Zarenko.

Auf einer Litfaßsäule an der Institutskaja Straße prangt die pathetische Unwahrheit: „Helden sterben nicht.“ Weiter die Straße entlang stehen Denkmäler, Grabsteine und Bäume, an denen gerahmte Bilder mit den Gesichtern und Namen toter Helden hängen. Aber die Monate ihrer Todesdaten lauten nicht mehr Januar oder Februar sondern Juli oder August 2014. Tote Helden des Krieges im Donbass. „Vor 23 Jahren, ist uns die Unabhängigkeit umsonst in den Schoß gefallen“, sagt Zarenko. „Jetzt müssen wir dafür bezahlen. Und wer weiß, wieviel Tausend Leben sie uns noch kosten wird.“

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