Hartz IV - Fordern ohne Fördern?

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Duisburg. Hartz IV – die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe – war vor fünf Jahren ein Herzstück der Schröderschen Agenda-Politik. Heute attestieren Arbeitsmarktexperten der großen Reform schwere Rhythmusstörungen.

„Das ursprüngliche Ziel, Arbeitslosen ,Leistungen aus einer Hand' anzubieten, droht zu scheitern”, sagt Matthias Knuth, Forschungsdirektor des Instituts Arbeit und Qualifikation an der Uni Duisburg-Essen.

„Fordern und Fördern” - das klang so neu, so richtungsweisend. Doch den Arbeitsvermittlern fehlt laut Knuth oft die Qualität, um das Heer der Jobsuchenden unterstützen zu können: „Viele Betroffene nehmen die Betreuung gar nicht als Hilfe wahr, sondern als Gängelei, als Fordern ohne Fördern.” Vor der Reform hätten in der Regel speziell ausgebildete Absolventen der Fachhochschule des Bundes die Arbeitslosen betreut. Heute gebe es eine „Rekrutierung querbeet”: Sozialarbeiter, Verwaltungskräfte, auch frühere Arbeitslose würden zu Fall-Betreuern.

"Vermittlung ist ein Massengeschäft"

Peter Bartelheimer von der Uni Göttingen kennt dieses Phänomen der „Entprofessionalisierung” der Arbeitsvermittlung. Aber der Soziologe hält andere Probleme für schwerwiegender. „Vermittlung ist ein Massengeschäft. Es gibt keine individuelle Betreuung. Da ist eine Fachkraft für 150 bis 200 Fälle zuständig. Drei bis vier Gespräche im Jahr sind schon viel”, meint Bartelheimer im WAZ-Gespräch. Grundproblem Nummer zwei: „Es gibt selten eine wirksame Unterstützung für die Jobsuchenden. Wenn sie überhaupt Arbeit finden, dann durch Eigeninitiative. Die meisten ,Klienten' der Arbeitsvermittlung suchen selbstständig, knüpfen von sich aus Kontakte zu Firmen. Das aber ist in der Organisationslogik der Arbeitsagenturen gar nicht vorgesehen.”

Die Göttinger Forscher hatten im Jahr 2006 Beratungsgespräche über mehrere Monate analysiert. Seitdem hat sich offenbar wenig geändert. Eine aktuelle Studie der Fachhochschule Frankfurt/Main bringt ähnliche Ergebnisse vor: Jobvermittlung funktioniert nicht.

Traurige Statistik

Die nackten Zahlen schmeicheln den Schöpfern der Hartz-Reformen nicht: Nur 1 bis 1,5 Prozent der Bezieher von Arbeitslosengeld II werden in ungeförderte Beschäftigungen vermittelt (also nicht in 1-Euro-Jobs oder andere Stellen mit Arbeitgeberzuschüssen). Nur einer von vier Arbeitslosen findet im Laufe eines Jahres irgendeine Stelle.

Die meisten davon sind allerdings Uni-Absolventen, Berufsrückkehrerinnen, gescheiterte Selbstständige, sie erhalten nur kurze Zeit Hartz-IV-Leistungen. Langzeit-Arbeitslose bilden die Mehrheit im Bestand. „Für eine Reform, in deren Zentrum die raschere Vermittlung stand, sind diese Ergebnisse nicht wirklich überzeugend”, so Matthias Knuth. War es vorher besser? Knuth meint, dass ein Vergleich zu den Zeiten vor Hartz IV kaum möglich sei. „Die Kriterien, wer als arbeitslos oder berufstätig gilt, wurden extrem verändert.” Die von den Wissenschaftlern so gescholtene Bundesagentur für Arbeit zieht übrigens eine überwiegend positive Bilanz nach fünf Jahren Hartz IV. Das hauseigene Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung verweist auf ein „deutliches Absinken der Langzeitarbeitslosigkeit”. Hartz IV wirke also genau dort, wo viele die Hoffnung schon aufgegeben hätten.

Skandal in der Anstalt

Die Reform begann nach dem „Vermittlungsskandal” der Bundesanstalt für Arbeit (BA) im Jahr 2002. Die BA hatte ihre Statistiken geschönt. In der Folge wurde eine Kommission unter Leitung von VW-Vorstand Peter Hartz ins Leben gerufen. Sie sollte Vorschläge für eine effizientere Vermittlung von Arbeitslosen machen. Dazu gehörten die Zusammenführung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe zum „Arbeitslosengeld II” und eine verbesserte Betreuung der Jobsuchenden.

 
 

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