"Handbuch" gibt Dschihadisten Tipps für unauffälliges Leben

Beten ja – aber dann sollte man schnell gehen. So empfiehlt es das "Handbuch" für Islamisten.
Beten ja – aber dann sollte man schnell gehen. So empfiehlt es das "Handbuch" für Islamisten.
Foto: Henning Kaiser/Archiv
Wie fällt man als islamistischer Schläfer in Deutschland möglichst wenig auf? Ein "Handbuch" gibt Dschihadisten Tipps für Leben, Beten und Rasieren.

Berlin.. Beten? Geht in Ordnung. Aber die Gebetsgruppe „solltest Du rasch verlassen, ohne mit Leuten zu reden“. So lässt sich das erste Kapitel einer Anleitung an, die im Internet kursiert. Es ist ein Handbuch für Dschihadisten. Wie der vereitelte Terroranschlag in Eschborn zeigt, ist es von beängstigender Aktualität. Wäre der verhaftete Salafist Halil D. dem Leitfaden gefolgt, wäre er den Behörden schwerer aufgefallen. Das Handbuch empfiehlt, sich westlich zu kleiden, ganz besonders keinen Salafisten-Bart zu tragen. „Du wirst lernen“, schreibt der unbekannte Autor, „eine Schläferzelle zu sein.“

Auf Englisch verfasste 70-Seiten-Broschüre

Die auf Englisch verfasste 70-Seiten-Broschüre, die dieser Zeitung vorliegt, umfasst zwölf Kapitel. Sie beginnt mit der Kunst der Tarnung und endet mit Fluchtzielen und Routen. Außerdem finden sich Anleitungen zum Umgang mit Waffen, Tipps für Bastler von Molotow-Cocktails, Nagelbomben oder von Druckluftbomben.

Der Anonymus gibt an, mehr als zehn Jahre lang den globalen Dschihad studiert zu haben, „seine Niederlagen, seine Erfolge“. Die Aufmachung des Handbuchs erinnert an das IS-Magazin Dabiq. Fachleute erkennen eine ideologische Nähe. Das schließen sie aus der Einleitung mit Zitaten der Dschihad-Ikone Abu Mus’ab al-Zarqawi.

Zu den alarmierenden Empfehlungen gehört der Rat, bei Kundgebungen von Neonazis das Feuer auf die Demonstranten zu eröffnen. Der NRW-Verfassungsschutz hat keine „konkreten Hinweise“ darauf, dass solche Szenarien geplant sind. „Wir schauen da ganz genau hin“, heißt es einschränkend. Und: „Man darf das nicht verharmlosen.“ Generell scheine es so zu sein, dass der IS „vorsichtiger agiert, als es die Leute von Al- Kaida früher getan haben“.

Druck der Behörden durch Verbote und Razzien

Das ist nicht zuletzt eine Folge des unaufhörlichen Drucks, den die Sicherheitsbehörden mit Verboten und Razzien erzeugen. Auch die Festnahmen in Hessen zeigen, dass die Szene wie unter einem Brennglas agiert – und ihrerseits darauf mit konspirativem Verhalten reagiert.

Um nicht aufzufallen, werden die Islamisten angehalten, einen westlichen Namen anzunehmen. O-Ton: „Statt Ali lieber einen neu­tralen Namen wie Adam.“ Schon im ersten Kapitel lernt Adam, seine Stimme zu verstellen oder farbige Kontaktlinsen zu tragen. Er bekommt Tipps, wie er Überwachung vermeidet und sich auf eine Razzia vorbereitet; dass er seinen PC nicht für konspirative Kontakte nutzen und „nie“ auf einen normalen Browser, sondern auf Tor.com zurückgreift. „Tor“ verfälscht die IP-Adresse, legt damit für Polizei und die Geheimdienste eine Leimspur.

Das für Gläubige wohl sensibelste Kapitel handelt von der Geldbeschaffung. Der Muslim soll sich sicher fühlen, wenn er Methoden anwendet, „die normalerweise nicht erlaubt sind“. Erwähnt werden der Betrug mit Kreditkarten und Paypal, der Missbrauch von Ebay. Hat der Dschihadist genug Finanzmittel herangeschafft, soll er sie besser in Edelsteine als in Gold und Silber anlegen, weil Juwelen leichter zu transportieren seien, jeder sie zu Hause haben darf und „Du nicht wegen Geldwäsche angeklagt werden kannst“.

Tipps für die Beschaffung von Waffen

Es finden sich Links für den Erwerb von Feuerwaffen, Ratschläge für ihren Transport, Anleitungen zum Training. Zu den eher kuriosen Empfehlungen gehört ferner ein Überlebenspaket, das nicht größer als eine Zigarettenschachtel sein soll, aber Vergrößerungsglas, Kompass, Nadel, Fischköder, eine Leselampe enthält; bis hin zu ei­nem Kondom, weil man damit bis zu einem Liter Wasser transportieren könne.

Natürlich stellt sich die Frage, warum die Behörden solche Anleitungen im Internet nicht unterbinden. Jedes Mal, wenn ein salafistischer Verein oder eine Terrorgruppe verboten wird, werden auch die Provider und die sozialen Netzwerke angehalten, solche Seiten zu sperren. Das ist allerdings juristisch aufwendig, oft genug schwer praktikabel. Der IS verfügt allein auf Twitter über mehr als 40 000 Unterstützer-Konten, mit denen Werbung für Videos und Verlautbarungen der Terroristen gemacht wird. Verlinkt wird in die schwer kontrollierbaren Untiefen des Netzes, oft auf Seiten auf Servern außerhalb Europas.

Der Terrorismus – eine vielköpfige Hydra. Schon mit Verboten zögern die Behörden. Es ist mitunter eine Frage der Taktik. Je offener die Szene, desto einfacher ihre Beobachtung, je konspirativer, umso schwieriger, so die Abwägung. Lakonisch antwortete das NRW-Innenministerium auf unsere Anfrage: „Der Verfassungsschutz kennt dieses Handbuch.“

 
 

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