Hamburger Schule – auch für NRW?

Proteste gegen die schwarz-grüne Schulreform in Hamburg. Foto: imago
Proteste gegen die schwarz-grüne Schulreform in Hamburg. Foto: imago
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Hamburg. . Die Hamburger stimmen demnächst über eine neue Schulstruktur ab. Die Grundschule könnte dann zur sechs Jahre dauernden Primarschule werden, an der auch Gymnasiallehrer unterrichten. Ein Vorbild für NRW?

Er weiß selbst, dass er alle Klischees erfüllt. Als Anwalt, der im feinen Blankenese wohnt, als Elternrat eines bilingualen Gymnasiums. Und so gibt er sich alle Mühe, genau davon abzulenken. Sitzt an einem der ausladenden Konferenztische in der Sozietät des Grafen von Westphalen und spricht ununterbrochen von schwächeren Schülern, von bildungsfernen Schichten. Als ginge es Walter Scheuerl ­primär um sie, als setzte sich seine Initiative „Wir wollen lernen” nicht vor allem für Hamburgs Gymnasiasten ein. Knapp zwei Wochen noch, dann stimmt Hamburg per Volksentscheid über eine umstrittene Schulreform ab.

Die Reform tatsächlich tut Not. Denn obwohl der Stadtstaat seit Jahren mehr Geld pro Schüler ausgibt als andere Bundesländer, landete Hamburg bei der letzten Pisa-Studie nur auf dem vorletzten Platz. Nach den Plänen der schwarz-grünen Koalition soll das Schulsystem deshalb nach dem Sommer von Grund auf reformiert werden. Die Pläne basieren auf längerem gemeinsamen Lernen in einer sechs Jahre währenden Primarschule und einem Zwei-Säulen-Modell, in dem die Schüler in der siebten Klasse wahlweise das Gymnasium oder die ebenfalls zum Abitur führende Stadtteilschule besuchen können.

Am Abend des 17. April 2008 hat die Hamburger CDU gerade den langwierig ausgehandelten Koalitionsvertrag mit den Grünen ins Internet gestellt, da schickt Walter Scheuerl seine erste Mail in dieser Sache. Wer Lust habe mitzumachen in einer Initia­tive, die möglicherweise in einen Volksentscheid münde, fragt er. Scheuerl setzt sich an die Spitze einer Bewegung, die für die Bildungselite der Stadt das Schlimmste befürchtet. Sie werde in ihrer Entwicklung gebremst, es sei falsch, bessere Schüler erst nach der sechsten Klasse von schlechteren zu trennen.

Die Initiative ist eloquent, sie ist finanziell gut ausgestattet, sie ist erfolgreich. Bei der Volksbefragung gegen die Schulreform im November holt sie statt der nötigen 62 000 satte 185 000 Unterschriften. Gerüchte machen die Runde, „Wir wollen lernen” habe Studenten bezahlt, die Unterschriften sammelten, man habe selbst Bewohner von Altersheimen bequatscht.

Inzwischen sind längst die Briefwahlunterlagen für den Volksentscheid verschickt, geht das Buhlen um die Stimmen in den Endspurt. Zig ­Infoveranstaltungen hat die grüne Schulsenatorin Christa Goetsch angesetzt, um die Eltern zu überzeugen. An diesem Abend sitzen sie in einer Aula des Neubauviertels Allermöhe im Süden Hamburgs. 40 Mütter und Väter, die jede Information aufzusaugen scheinen. So vieles können sie sich noch gar nicht vorstellen.

Kleinere Klassen soll es geben und mehr Lehrer. Grundschulen werden zu ­Primarschulen aufgestockt, in denen auch Gymnasiallehrer unterrichten sollen. Angelika Fiedler, Leiterin der Clara-Grunewald-Schule, eine der Starterschulen der Reform, sitzt vorn auf dem Podium und argumentiert leidenschaftlich. Natürlich stießen die Gymnasiallehrer, die an ihrer Grundschule unterrichten sollen, nicht nur auf kollegiale Begeisterung. „Aber wir leben von der Hoffnung, dass wir unsere Stärken, die Projektarbeit, das individuelle Lernen auch in die weiterführenden Schulen tragen können”, sagt Fiedler.

Nur die FDP ist dagegen

Neuallermöhe ist ein ­Stadtteil der sozial Schwächeren. Jeder zweite Erstklässler von Angelika Fiedler stammt aus einer Migrantenfamilie, zumeist aus Russland. Eben jene Klientel, von der die Rede ist, wenn kritisiert wird, dass zu viele Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlassen. Wäre dies ein Infoabend in Hamburgs Elbvororten, würde es sicher kontroverser zugehen. Hier aber, in Allermöhe, schätzt man die Reform.

Inzwischen bekennen sich außer der FDP alle großen Hamburger Parteien zur Reform. Unterstützt werden sie von der Initiative „Die Schulverbesserer”, in der sich rund um Jobst Fiedler, den Professor der Hertie School of Governance, viele prominente Befürworter sammelten. Leute wie Hamburgs früherer Bürgermeister von Dohnanyi, Ex-Familienministerin Süßmuth oder Regisseur Fatih Akin.

In Allermöhe neigt sich der Abend dem Ende zu. Noch einmal werben die Fachfrauen auf dem Podium für die Reform. Hamburg nehme richtig Geld in die Hand, Hamburg sei ambitioniert, erklärt Susanne Schwier, die Abteilungsleiterin aus der Schulverwaltung.

Seit drei Monaten erst arbeitet die Frau aus Neuss in der Stadt an der Elbe. Sie bewarb sich eben wegen der Reform: „Es ist der richtige Schritt in die richtige Richtung.”

 
 

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