Haiti leidet bis heute unter den Folgen des Erdbebens

Bei der Gedenkfeier (v.l.). Haitis Premier Laurent Lamothe, Präsident Michel Martelly, Ex-US-Präsident Bill Clinton und Präsidentengattin Sophia Martelly.Foto:dpa
Bei der Gedenkfeier (v.l.). Haitis Premier Laurent Lamothe, Präsident Michel Martelly, Ex-US-Präsident Bill Clinton und Präsidentengattin Sophia Martelly.Foto:dpa
Drei Jahre nach der Katastrophe gedachten die Menschen auf der Karibik-Insel der rund 250.000 Opfer. Deutsche Hilfsorganisationen beklagen den schleppenden Wiederaufbau und eine „katastrophale Zahlungsmoral“ der internationalen Staatengemeinschaft.

Port-au-Prince/Essen. Drei Jahre nach dem schweren Erdbeben in Haiti haben die Menschen auf der Karibikinsel am Wochenende der rund 250 000 Toten gedacht. Haitis Präsident Michel Martelly appellierte an alle Einwohner, gemeinsam am andauernden Wiederaufbau des Landes mitzuhelfen. „Unsere Zukunft hängt von uns ab“, sagte der Staatschef. Auch der UN-Sondergesandte für Haiti und frühere US-Präsident Bill Clinton nahm an der Gedenkfeier in Port-au-Prince teil. Derweil beklagen deutsche Hilfsorganisationen den nach wie vor schleppenden Wiederaufbau. Das Bündnis „Entwicklung hilft“ kritisiert eine „katastrophale Zahlungsmoral“ der Staatengemeinschaft.

Auf einer internationalen Geberkonferenz im März 2010 seien Haiti 9,8 Milliarden US-Dollar zugesagt worden, davon 5,37 Milliarden in den ersten drei Jahren, berichtet der Zusammenschluss von Organisationen wie Brot für die Welt, Misereor oder Welthungerhilfe. Bis heute seien indes erst 3,01 Milliarden Euro gezahlt worden. „Entwicklung hilft“-Geschäftsführer Peter Mucke sieht darin „ein Grundproblem: Nach großen Katastrophen herrscht kurzzeitiger Aktionismus, dann jedoch drohen die Zusagen der Regierungen nach und nach im politischen Tagesgeschäft unterzugehen“. Mucke plädiert deshalb dafür, künftig „zugesagte Summen unmittelbar nach einer Geberkonferenz in einen von der UN verwalteten Fonds“ einzuzahlen.

Die drei Jahre seit dem Beben in Haiti hätten gezeigt, dass die 2010 kalkulierten Summen durchaus realistisch kalkuliert gewesen seien.

Trauma-Seelsorge

1,5 Millionen Menschen wurden durch das Beben in Haiti obdachlos. Rund 400 000 von ihnen leben bis heute in Auffang-Lagern, berichtet die Haiti-Referentin des Essener Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, Margit Wichelmann. Dort herrschten „katastrophale hygienische Zustände“. Neben unzureichenden staatlichen Strukturen, fehlenden Fachkräften und fehlender Erfahrung im erdbebensicheren Bauen sei auch eine mangelnde Koordination der Geldgeber dafür verantwortlich, dass der Wiederaufbau immer wieder gebremst werde, so Wichelmann. Derweil seien manche Haitianer „müde zu warten, und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand“ – so entstünden Häuser, die genauso unsicher seien, „wie ihre im Erdbeben eingestürzten Vorgänger“.

Neben dem Wiederaufbau eines Schulzentrums unterstützt Adveniat Angebote der Trauma-Seelsorge. „Im Prinzip ist es ein ganzes Volk, das zutiefst traumatisiert ist“, sagt Wichelmann. Praktisch jeder Haitianer sei durch das Erdbeben betroffen, weil Angehörige, Freunde oder Bekannte gestorben oder verletzt worden seien.

Von insgesamt 7 Millionen Euro Spendengeldern zugunsten der Haiti-Hilfe hat Adveniat erst knapp die Hälfte ausgegeben. Man habe sich bewusst entschieden „das Geld für nachhaltige, gut geplante Projekte auszugeben“, heißt es in Essen.

Neue Schulen und Selbsthilfe

Auch die Duisburger Kindernothilfe ist noch nicht am Ziel ihres Wiederaufbauprogramms. Von zehn erdbebensicheren Schulen sind bislang erst drei fertig. „Solche umfangreichen Bauprojekte erfordern in einem Land wie Haiti ein hohes Maß an Geduld“, hat Kindernothilfe-Chef Jürgen Thiesbonenkamp erfahren. Baugenehmigungen oder -pläne einzuholen, sei aufgrund der fragilen Regierungsstrukturen sehr aufwändig. Dennoch sollen in anderthalb Jahren alle zehn Schulen für dann insgesamt 4000 Kinder und Jugendliche fertig sein. „Wir bleiben dran“, so Thiesbonenkamp. Schulen seien „ein wichtiger Grundstein, um dem ganzen Land zu einer besseren Zukunft zu verhelfen“.

Dahin müssten die Haitianer ihr Land am Ende jedoch selbst führen, so Thiesbonenkamp. Deshalb unterstütze die Kindernothilfe unter anderem auch 120 Selbsthilfegruppen, in denen die Menschen zum Beispiel lernten, kleine Geschäfte zu eröffnen, sich politisch zu engagieren oder soziale Probleme zu lösen.

 
 

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