Gewerkschaft regt Umzugsprämie für Senioren an

„Einen alten Baum verpflanzt man nicht so leicht“, warnt der Vorsitzende der Senioren-Union. Der Gewerkschafts-Vorschlag, Älteren, die ihre Wohnung räumen, damit Familien dort einziehen können, eine Prämie zu zahlen, stieß auf viel Kritik.
„Einen alten Baum verpflanzt man nicht so leicht“, warnt der Vorsitzende der Senioren-Union. Der Gewerkschafts-Vorschlag, Älteren, die ihre Wohnung räumen, damit Familien dort einziehen können, eine Prämie zu zahlen, stieß auf viel Kritik.
Foto: IMAGO
Die Gewerkschaft IG Bau will älteren Menschen Anreize verschaffen, große Wohnungen für junge Familien zu räumen. Fachleute setzen eher auf Umbau.

Essen.. Um mehr Wohnraum für Familien zu schaffen, soll der Staat ältere Menschen mit einer Prämie dazu bewegen, ihre großen Wohnungen zu räumen. Mit diesem Vorschlag hat der Chef der Gewerkschaft IG Bau, Robert Feiger, eine sozialpolitische Kontroverse ausgelöst. Feigers Idee ei­ner Umzugsprämie für Senioren stieß vor allem in unserer Region auf Skepsis. Ein Überblick.

Was genau fordert der Gewerkschaftsboss?

Der IG-Bau-Chef will Senioren mit einer Prämie den Umzug aus großen Wohnungen erleichtern. „Viele Senioren sitzen im Alter in ihren großen Wohnungen fest, viele Familien müssen dagegen in viel zu kleinen Wohnungen wohnen“, sagte Feiger in einem Zeitungsinterview. Diesen Missstand müsse man beheben. Dazu fordert Feiger vom Staat eine Prämie von bis zu 5000 Euro als Zuschuss für anfallende Maklerprovisionen, Umzugs- und Renovierungskosten.

Was steckt hinter der Idee?

Hintergrund sind Sorgen um die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt. „Wir brauchen deutlich mehr bezahlbaren Wohnraum in Deutschland“, sagte ein IG-Bau-Sprecher dieser Zeitung. Der Staat müsse dafür die Rahmenbedingungen anpassen und dauerhaft Zuschüsse für altersgerechte Umbauten bereitstellen. Nach Angaben der IG Bau fehlen in Deutschland derzeit 300 .000 Wohnungen. Laut Wohnungsmarktbericht NRW sinkt an Rhein und Ruhr seit Jahren der Anteil großer Wohnungen mit fünf und mehr Zimmern.

Wie reagieren Sozialverbände, Seniorenvertreter und die Politik?

Gemischt. Im Einzelfall könne die Maßnahme sinnvoll sein, ließ der Sozialverband SoVD wissen. Der Vorsitzende der Senioren-Union, Otto Wulff, kann dem Vorschlag zwar etwas abgewinnen. Keinesfalls aber dürften ältere Menschen durch Geld dazu verleitet werden, ihre Wohnung aufzugeben, wenn sie dies nicht ausdrücklich wollten, so Wulff im Gespräch mit dieser Zeitung. „Einen alten Baum verpflanzt man nicht so leicht“, warnte der 82-Jährige. Auch die Bundesregierung äußerte sich skeptisch. „Wir können jetzt nicht alte Leute aus ihren Wohnungen schmeißen, damit junge Leute mehr Wohnungen kriegen“, so Familienministerin Manuela Schwesig (SPD).

Was sagt die Wohnungswirtschaft?

Aus Sicht der großen Vermieter im Land geht die Diskussion an den tatsächlichen Verhältnissen vorbei. „Einen grundsätzlichen Wohnungsmangel für Familien können wir im Ruhrgebiet nicht feststellen“, teilte Vivawest in Gelsenkirchen mit. Für die Deutsche Annington in Bochum kommt eine Umsiedlungsprämie nicht infrage. „Menschen, die seit 40 Jahren in ihrer Wohnung leben, müssen und wollen auch im Alter in ihrem gewohnten Umfeld zuhause sein“, so Vorstandsmitglied Klaus Freiberg. Klaus Graniki, Chef der Dortmunder Dogewo, hält den Gewerkschaftsvorstoß für „Blödsinn.“ Finanzielle Anreize für einen Umzug im Alter zu setzen, bezeichnete Graniki als „unmoralisch“.

Gibt es genug altersgerechte Wohnungen?

Daran hapert es besonders. Laut einer Studie erfüllen lediglich zwei Prozent aller 41 Millionen Wohnungen in Deutschland den Standard der Barrierefreiheit. Der Investitionsbedarf für den altersgerechten Umbau gehe in die Milliarden. Dabei ist der Bedarf groß. Bei der Dortmunder Dogewo (16 000 Wohnungen) sind bereits 40 Prozent aller Mieter 60 Jahre und älter. Tendenz steigend. Die Deutsche Annington hat allein im vergangenen Jahr 3000 Wohnungen seniorengerecht umgebaut.

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