Gewalt geht uns alle an

Die Gewalt gegen Flüchtlinge hat in den vergangenen Monaten bereits ein erschreckendes Maß angenommen. Kaum eine Woche verging, in der nicht irgendeine Flüchtlingsunterkunft brannte. Jetzt fielen erstmals Schüsse. Nachts, heimtückisch auf schlafende Menschen, die vor Gewalt und Gewehrkugeln aus ihrer syrischen Heimat geflohen sind, um endlich in Sicherheit zu sein.

Sollte der Anschlag im hessischen Dreieich wirklich fremdenfeindliche Motive haben, hätte die Gewalt eine neue Dimension erreicht. Gezielte Mordanschläge mit einer Waffe – da wären wir schon schrecklich nahe an der blutigen Mordserie des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds, dem zehn Menschen bundesweit zum Opfer fielen. Deren unfassbar blauäugige Aufarbeitung blamierte die Sicherheitsbehörden bis auf die Knochen.

Es reicht längst nicht mehr, die Ausschreitungen mit Abscheu und Empörung zu verurteilen. Der Druck auf Sympathisanten, Umfeld und Täter selbst muss deutlich größer werden. Bei 222 Übergriffen auf Flüchtlingsunterkünfte im vergangenen Jahr gab es nur vier Urteile gegen überführte Täter. Viel zu wenig, um wirklich abschreckend auf mögliche Nachahmer zu wirken. Auch wenn in den Fällen für die Polizei schwer zu ermitteln ist – etliche Täter sind völlig ohne Vorstrafe – muss die Aufklärungsquote erhöht werden. Entweder durch mehr Personal oder durch bessere Sicherheitsausstattung wie Videosysteme an den Flüchtlingsheimen.

Auch die Nachsicht mit geistigen Brandstiftern muss ein Ende haben, wenn jetzt Schüsse auf Menschen fallen. Das ist eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft, nicht nur für Politik und Polizei. „Erster Flüchtling in Deutschland erschossen“ wäre eine Schlagzeile, die so vieles zunichtemachen würde. Verdrängt wären die Bilder des freundlichen Deutschlands, das bis heute in der Flüchtlingskrise mit einer unglaublichen Gemeinschaftsleistung so viel geleistet hat. Der Staat muss – unterstützt von einer engagierten Bevölkerung – diese beschämende Welle der Gewalt stoppen. Es steht zu viel auf dem Spiel.

 
 

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