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Geschlechtertrennung in Schulen

Ankara. 

Als der türkische Premier Tayyip Erdogan Anfang November gegen das Zusammenleben von Studentinnen und Studenten „unter einem Dach“ wetterte, äußerte der Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu einen Verdacht: Erdogan plane, die Geschlechtertrennung nicht nur in Studentenwohnheimen und WGs sondern im gesamten Bildungswesen einzuführen. Kilicdaroglu scheint Recht zu behalten. Der Vizepräsident des türkischen Parlaments erklärte jetzt, es sei falsch, Schüler beiderlei Geschlechts gemeinsam zu unterrichten. „Es war ein historischer Fehler, Mädchen und Jungen im Namen einer Verwestlichung in gemeinsamen Schulen zu unterrichten, und wir werden diesen Fehler bald korrigieren, so Gott will“, sagte Parlaments-Vize Sadik Yakut bei einer Veranstaltung anlässlich des Weltkindertages. Yakut, ein ehemaliger Richter und Staatsanwalt aus der zentralanatolischen Stadt Kayseri, ist ein Gründungsmitglied der von Erdogan geführten islamisch-konservativen Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) und gilt als einflussreich in der Partei, die das Land seit Ende 2002 regiert.

„Keimzellen für Terrorismus“

Premier Erdogan hatte vor drei Wochen dem Zusammenleben von Studenten beiderlei Geschlechts den Kampf angesagt. In gemischten Studentenheimen könne „alles Mögliche passieren“, erklärte Erdogan. Innenminister Muammer Güler sagte, solche gemischten Unterkünfte seien Keimzellen für Terrorismus, Prostitution und Kriminalität. Nicht nur in staatlichen Studentenheimen, auch in Privathäusern soll künftig der Staat „intervenieren“, wenn dort Studenten beiderlei Geschlechts unter einem Dach wohnen. Erdogans Kritiker sehen in der Kampagne einen weiteren Schritt zur Islamisierung von Staat und Gesellschaft in der Türkei. Die oppositionelle Republikanische Volkspartei (CHP), die in der Tradition des Staatsgründers Atatürk die Trennung von Staat und Religion hochhält, wirft der Regierung vor, sie mische sich immer stärker in den Lebensstil der Bürger ein und versuche, der Gesellschaft ihre konservativ-religiösen Wertvorstellungen aufzuzwingen.

Jetzt geht der AKP-Vizepräsident des Parlaments mit seiner Ankündigung, getrennte Schulen für Jungen und Mädchen einzuführen, auf diesem Weg einen Schritt weiter. Mit der geplanten Geschlechtertrennung im Schulwesen würde das Rad der Zeit weit zurückgedreht. Die Koedukation (gemeinsame Unterricht) in der Türkei datiert aus der Ära der Tanzimat-Reformen Mitte des 19. Jahrhunderts.

Gleiche Rechte, Religionsfreiheit

Das Wort Tanzimat bedeutet so viel wie Neuordnung. Unter der Herrschaft der Reform-Sultane Abdülmecid I. und Abdülaziz unterzog sich das Osmanenreich einer tiefgreifenden Modernisierung. Sie betraf die öffentliche Verwaltung ebenso wie die Justiz, die Wirtschaft und die Gesellschaft. Mit der Verfassung von 1876 garantierte das osmanischer Reich allen seinen Untertanen gleiche Rechte und Religionsfreiheit. Die Reformen ermöglichten erstmals auch gemeinsamen Schulunterricht für Mädchen und Jungen. Damit hat die Koedukation in der Türkei eine längere Tradition als etwa in Deutschland, wo sie erst ab den 1950er Jahren konsequent umgesetzt wurde, oder in Österreich, wo sie 1975 eingeführt wurde.