Gentechnische Versuche an Tieren in zehn Jahren verdreifacht

Mäuse sind die häufigsten Versuchstiere, weil ihre Gene am stärksten denen von Menschen ähneln.
Mäuse sind die häufigsten Versuchstiere, weil ihre Gene am stärksten denen von Menschen ähneln.
Foto: imago stock&people
Laut einer Studie sind viele Tierversuche nutzlos für die Humanmedizin. Grüne kritisieren das, Forscher verteidigen die Experimente.

Berlin.  Bei der Pflanzenzucht ist Genforschung längst üblich, jetzt steigt auch die Zahl der Genexperimente mit Tieren. „Die Versuche mit gentechnisch veränderten Tieren haben sich in Deutschland zwischen 2004 und 2013 fast verdreifacht“, heißt es in einer aktuellen Untersuchung des Instituts Testbiotech im Auftrag der Grünen Bundestagsfraktion, die dieser Redaktion vorliegt. Knapp eine Million Tiere – vornehmlich Mäuse und Ratten – wurden allein 2013 für gentechnische Versuche „verbraucht“. Mit 947.019 Tieren sind fast ein Drittel aller Versuchstiere gentechnisch verändert.

„Der massive Anstieg an Tierversuchen im Bereich der Gentechnik ist nicht hinnehmbar“, kritisiert Nicole Maisch, Sprecherin für Tierschutz- und Verbraucherpolitik der Grünen im Bundestag. „Gerade wenn der medizinische Nutzen äußerst fragwürdig ist oder sich Versuche bereits als nicht erfolgreich herausgestellt haben, dürfen nicht weiter Tiere gequält werden.“ Die Zunahme widerspreche zudem dem Ziel der Bundesregierung und der EU-Kommission, Tierversuche zu reduzieren und durch andere Forschungsmethoden zu ersetzen.

Ergebnisse häufig nicht auf den Menschen übertragbar

Die Studie erhebt auch Zweifel am Nutzen der Genversuche. Die meisten Tierversuche dienen der Grundlagenforschung. In der Arzneimittelforschung spielten sie dagegen eine untergeordnete Rolle. Aber selbst dort brächten sie noch nicht den erhofften Erfolg. So wird seit mehr als 20 Jahren an gentechnisch veränderten Schweinen für Organspenden geforscht. Doch bislang sei kein konkreter Nutzen für den Menschen erkennbar. Die Ergebnisse seien häufig nicht auf den Menschen übertragbar, hieß es in der Studie.

Bei gentechnischen Versuchen werden den Tieren in der Regel genetische Defekte zugefügt. „Sie werden künstlich krank gemacht“, sagt der Studienleiter von Testbiotech, Christoph Then. Ihnen werden Krankheiten wie Krebs, Diabetes oder Alzheimer eingepflanzt. Ihr Erbgut werde direkt in den Zellen verändert. Bei anderen Tieren würden Gene stillgelegt, um zu erforschen, wie der Körper des Tieres darauf reagiere. Mit den Versuchen seien gravierende Schmerzen verbunden. Viele Tiere würden aufgrund von Gen-Defekten nicht lebend geboren oder müssten getötet werden.

„Ergebnisse, die mit Hilfe genmanipulierter Tiere gewonnen wurden, lassen sich meist nicht auf den Menschen übertragen und sind damit unbrauchbar“, sagt auch Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes. Zudem seien die gentechnisch veränderten Tiere kaum lebensfähig, oft verkrüppelt oder schwer krank.

Forscher verteidigt Experimente mit Gentechnik

Johannes Beckers, Vize-Leiter des Instituts für Experimentelle Genetik am Helmholtz Zentrum München, verteidigt die Experimente: „Gentechnische Versuche an Tieren sind in der Forschung noch unverzichtbar“, sagt er. „Wenn wir die Möglichkeit haben, auf andere Methoden auszuweichen, machen wir das.“ Mäuse würden deshalb verwendet, „da 95 Prozent ihrer Gene denen von Menschen gleich sind“. Um ihre Funktion im Körper zu ergründen, sei Grundlagenforschung notwendig: „Hier finden wir noch immer neue biologische Prozesse, die oft Grundlage zur Heilung von Krankheiten sind. Heute gibt es kein neu zugelassenes Medikament, das ohne Tierversuche entstanden ist.“ Nur ein Beispiel, so Beckers: „In den 80er-Jahren war Aids mit einer Lebenserwartung von einem Jahr verbunden. Heute ist sie eine behandelbare chronische Erkrankung.“

1500 Patente für Versuchstiere in Europa

In außereuropäischen Ländern werden bereits Genversuche mit Nutztieren unternommen – wie Schweinen, Pferden, Schafen, Ziegen, Hühnern oder Fischen. In Neuseeland werde derzeit versucht, Kühe ohne Hörner bei gleichzeitig höherer Milchproduktion durch Gentechnik zu entwickeln, heißt es in der Studie weiter. Und: Ziel der Forschung sei es auch, gentechnisch veränderte Versuchstiere gewinnbringend zu verkaufen. Zudem werden aus kommerziellen Gründen immer mehr Patente auf genmanipulierte Tiere beantragt. In Europa wurden bereits 1500 Patente für Versuchstiere erteilt, weitere 5000 Anträge eingereicht. Mehrere Firmen hätten sich auf das Geschäft mit genmanipulierten Versuchstieren spezialisiert.

In Deutschland und der Europäischen Union ist der Verkauf von gentechnisch veränderten Tierprodukten als Lebensmittel verboten. Allerdings fürchten die Grünen, dass die Handelsabkommen TTIP und Ceta „zum Einfallstor für tierisches Genfood“ werden könnten. Harald Ebner, Sprecher für Gentechnik- und Bioökonomiepolitik: „In den USA und Kanada ist mit Gentech-Lachs schon das erste gentechnisch veränderte Nutztier als Lebensmittel zugelassen, weitere Zulassungen werden folgen.“

 
 

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