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Genscher zog die Fäden bei der Aktion Chodorkowski

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Foto: Pressestelle Chodorkowski/dpa
Der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) hat am Freitagnachmittag den aus russischer Lagerhaft entlassenen Kremlkritiker Michail Chodorkowski in Berlin in Empfang genommen. Ob Chodorkowski in Deutschland bleiben will, ist noch nicht bekannt.

Moskau/Berlin/Menden. 

Michail Chodorkowski selbst rechnete nicht mit seiner Freilassung. „Mir selbst macht das Gefängnis keine Angst mehr“, erklärte er noch im Oktober in einem seiner letzten Briefe aus dem russischen Straflager Segescha: „Ich habe mich daran gewöhnt.“ Wenn Präsident Wladimir Putin beschließe, ihm noch einen weiteren Prozess zu machen, werde er deswegen nicht in Depressionen verfallen. Doch dann ging alles ganz schnell.

Nur einen Tag nachdem Putin die Amnestie für seinen ehemaligen Erzfeind bekanntgegeben hatte, kam der 50-Jährige gestern frei und wurde unmittelbar danach nach Deutschland ausgeflogen.

Am Berliner Flughafen Schönefeld wurde Chodorkowski vom früheren Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher empfangen, der sich in der letzten Zeit zweimal wegen des Falls Chodorkowski mit Präsident Putin getroffen hatte.

„Ich freue mich“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte zuvor in Brüssel am Rande des EU-Gipfels zur Freilassung Chodorkowskis gesagt: „Ich freue mich.“ Es sei richtig gewesen, „ihn nicht zu vergessen“. Tatsächlich hatte die Bundesregierung die Freilassung des Putin-Kritikers immer wieder gefordert. Dann sagte Merkel einen Satz, den zu diesem Zeitpunkt nur ganz wenige Eingeweihte entschlüsseln konnten. Es gebe ein Fenster der Möglichkeiten, „und das wird genützt“, so Merkel.

Die eigentliche Ausreise des berühmtesten Gefangenen Russlands trug dann Züge einer Geheimdienstaktion. Am Anfang stand ein Anruf Genschers am Donnerstag bei dem Unternehmer Ulrich Bettermann im sauerländischen Menden: „Michail Chodorkowski kommt frei. Kannst Du kurzfristig ein Flugzeug besorgen?“ Es sollte eine Privatmaschine sein, kein Regierungsjet. Bettermann konnte. Der umtriebige Betriebschef hatte die firmeneigene Jet-Flotte schon häufig für Reisen mit seinem langjährigen Freund Genscher eingesetzt.

Pilot reiste aus Salzburg an

Die Crew mit Flugkapitän Heiko Bauer setzte sich sofort in Salzburg in den Zug Richtung Flughafen Arnsberg/Menden. Was fehlte, waren Visa und Landegenehmigungen. Die Nacht über wurde mit den russischen Behörden verhandelt.

„Wir wollten den Namen des Passagiers erst nicht nennen und gaben Genschers Namen an“, erklärte Bettermann gegenüber dieser Zeitung. „Dann schaltete sich Putins Büro ein, und eine halbe Stunde vor dem Abflug hatten wir die Genehmigung.“

„Kein Schuldbekenntnis“

Am Morgen verließ Michail Chodorkowski das Straflager im Norden Russlands und begab sich direkt zum Flughafen in St. Petersburg, wo Bettermanns Cessna Citation CJ2+ wartete. „Der Pilot musste versichern, dass er im Auftrag Genschers unterwegs war“, sagt der Unternehmer.

Chodorkowski betonte gestern in einer Erklärung, er habe Putin „um Begnadigung aus familiären Gründen gebeten“. „Es ging nicht um ein Schuldbekenntnis. Ich freue mich auf den Moment, an dem ich meine Familie umarmen kann.“

Theoretisch könnte Chodorkowski in der Bundesrepublik bleiben. Denn nach Paragraf 22 des Aufenthaltsgesetzes kann der Staat „aus übergeordneten politischen Interessen für Deutschland einen Aufenthalt gewähren“.