Gehalt statt Hartz IV - NRW schafft Jobs für 1000 Langzeitarbeitslose

Jennifer Kalischewski
Landesprogramm "Öffentlich geförderte Beschäftigung": Teilnehmer des Projekts beim CJD in Dortmund bauen für das Elektrorecycling alte Elektrogeräte auseinander.
Landesprogramm "Öffentlich geförderte Beschäftigung": Teilnehmer des Projekts beim CJD in Dortmund bauen für das Elektrorecycling alte Elektrogeräte auseinander.
Foto: Ralph Bodemer / WAZ FotoPool
Es ist ein schwerer Weg zurück in den Job. Menschen, die vor vielen Jahren aus der Erwerbstätigkeit ausgeschieden sind, haben auf dem regulären Arbeitsmarkt oft verschwindend geringe Chancen. Deshalb hat NRW 1000 Jobs für Langzeitarbeitslose in öffentlichen und gemeinnützigen Betrieben geschaffen.

Essen/Dortmund. Die Haare unter einer Haube versteckt, die Ohrringe abgeklebt, so steht Ruth Zablocki im weißen Kittel in der Küche und überlegt, welche Zutaten noch fehlen. „Wir brauchen noch Gürkchen“, sagt sie. Mit einem Kollegen rührt sie in einem großen Bottich literweise Mayonnaise für Kartoffelsalat an. 2000 Mittagsgerichte verlassen an einem normalen Werktag die Großküche der Neuen Arbeit. Die Einrichtung der Diakonie Essen beliefert hauptsächlich Essener Schulen und Kitas. Während der Schulferien geht es weniger hektisch zu: 1400 Essen fallen zurzeit weg.

Ruth Zablocki ist eine von acht Langzeitarbeitslosen, die durch das Landesprogramm „Öffentlich geförderten Beschäftigung“ (ÖGB) Arbeit in der Essener Großküche gefunden haben. Obwohl sie ausgebildete Köchin ist, hat die 30-jährige Essenerin viereinhalb Jahre Arbeitslosigkeit hinter sich. Dem Stress in Restaurant oder Systemgastronomie war sie nicht gewachsen. Die Aussichten auf eine Stelle waren verschwindend gering.

300.000 Langzeitarbeitslose in NRW

Denn wer über einen langen Zeitraum aus der Erwerbstätigkeit ausscheidet, hat es schwer auf dem regulären Arbeitsmarkt. 300.000 Langzeitarbeitslose zählt das Land NRW, bundesweit sind es 940.000. Viele von ihnen haben keinen Schulabschluss oder sind wegen psychischer Probleme oder Schulden aus dem Tritt geraten. Die wenigsten haben reelle Chancen, in den ersten Arbeitsmarkt zurückzukehren. „Manche sind vier, fünf, sechs Jahre ohne Beschäftigung“, sagt NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD). „Es gibt Familien, deren Vorstände nie die Wohnung verlassen, um einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Da reproduziert sich Langzeitarbeitslosigkeit selbst.“

Um diesem Problemen entgegenzuwirken, hat das Land 2013 das ÖGB-Programm gestartet. 16 Millionen Euro aus Landesmitteln und aus dem Europäischen Sozialfonds fließen dabei in Projekte zur Bekämpfung von Langzeitarbeitslosigkeit. Zudem beteiligen sich die Jobcenter und Kommunen. Mehr als 1100 geförderte Arbeitsplätze sind in 51 Projekten in gemeinnützigen und öffentlichen Betrieben entstanden. „Wir wollen Arbeit finanzieren statt Arbeitslosigkeit. Leistungen nach SGB II werden umgewandelt in geförderte Beschäftigung“, erklärt Arbeitsminister Schneider.

Mehrere Besonderheiten kennzeichnen die Projekte des NRW-Programms: So genannte Jobcoaches begleiten die Teilnehmer sozialpädagogisch, bieten Unterstützung beispielsweise beim Ausfüllen von Anträgen oder bei der Vermittlung von Schuldnerberatern. Zudem beträgt der reguläre Förderzeitraum zwei Jahre, während viele andere Maßnahmen bereits nach sechs Monaten enden.

Zwei zusätzliche Jahre

Das Land stellt ab 2015 eine Verlängerungsmöglichkeit um weitere zwei Jahre in Aussicht. „Immer nur kurzfristige Maßnahmen und danach wieder Arbeitslosigkeit – das führt zwangsläufig zu Resignation“, sagt Guntram Schneider. Wichtig sei Kontinuität.

Die wünscht sich auch Peter Horn. Er ist seit 21 Monaten bei einem ÖGB-Projekt im Christlichen Jugenddorf Dortmund (CJD) beschäftigt. Im Bereich Recycling baut er alte Elektrogeräte auseinander, sortiert Metalle, Kunststoffe und andere Wertstoffe für den Weiterverkauf.

Anschlussvertrag ist Herzenswunsch

Der 53-jährige Dortmunder hat eine bewegte Erwerbsbiografie vorzuweisen. Irgendwann mal habe er in einer Bücherei gearbeitet, war bei der Bundeswehr, war als Elektromaschinenbauer, Glasreiniger und zuletzt als Gartenlandschaftsbauer tätig. Weil er an einer Nervenkrankheit leidet und sein Bein nicht vollständig belastbar ist, verlor er den Job. „Das Schlimmste ist, wenn man sich bewirbt und keine Antwort bekommt“, sagt er.

Im Februar läuft sein Vertrag aus. Sein größter Wunsch: ein Anschlussvertrag: „Hier will ich bleiben.“ Horn ist ein Mann, der Optimismus ausstrahlt. Blickt er in die Zukunft, sei er frohen Mutes, sagt er lächelnd. „Angst wäre das falsche Wort.“ Aber er weiß auch: Wenn es mit dem Vertrag nicht klappt, ist er wieder arbeitslos.