Gaucks Gratwanderung im Flüchtlingslager in der Wüste

Der Bundespräsident mitten in der Wirklichkeit syrischer Flüchtlinge in Jordanien: Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt setzten sich zu einer Familie im Lager von Azrak.
Der Bundespräsident mitten in der Wirklichkeit syrischer Flüchtlinge in Jordanien: Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt setzten sich zu einer Familie im Lager von Azrak.
Foto: REUTERS
Bundespräsident Joachim Gauck besichtigt in Jordanien ein Flüchtlingslager. Konfrontiert wird er mit Wünschen an Deutschland.

Azrak.. Ein eisiger Wind weht über die Hügelketten an der Fernstraße von Amman nach Bagdad, in der schäbigen Blechbaracke ist es bitter kalt. Die 28 syrischen Flüchtlingsmädchen der Klasse 7b sitzen in Winterjacken und Schals vor ihren Aufgabenheften für den Mathematikunterricht, als der Bundespräsident mit einem freundlichen Hallo den kleinen Raum betritt. Joachim Gauck wundert sich kurz über die kalten Hände, die die Mädchen ihm zur Begrüßung entgegenstrecken, aber dann ist er schnell sehr angetan von der Schulklasse hier im Flüchtlingslager Azrak im öden Osten Jordaniens. Der Blick aus den kleinen Fenstern ist trostlos, das Dach aus Zeltstoff verdreckt – aber die zwölfjährigen Kinder sind voll bei der Sache, fast alle melden sich, um vorn an der Tafel Rechenaufgaben zu lösen.

Sie sind mit ihren Familien aus der IS-Hochburg Rakka geflohen, aus Homs oder aus Daraa im nahen Süden Syriens, erzählen sie dem Präsidenten. Gaucks Lebensgefährtin Daniela Schadt setzt sich auf die Bank zu den Mädchen, am Ende flüstert sie der verschleierten jordanischen Lehrerin zu: „Die Kinder lieben Sie und sind so dankbar für den Unterricht.“

„Hier gibt es mehr Steine und Sand als Menschen“

Doch so beeindruckt die Besucher sind, nach dem Rundgang durch das Lager mit rund 28.000 Flüchtlingen ist Gaucks Urteil zwiespältig. Er lobt zwar die umfassende Hilfe und das Bildungsangebot. Aber er sagt auch: „Das hier ist eine sehr spezielle Situation. Hier gibt es mehr Steine und Sand als Menschen.“

Azrak liegt mitten in der jordanischen Wüste, die syrische Grenze ist nur 90 Kilometer entfernt. Kein Dorf ist in der Nähe, nicht einmal Strom gibt es hier, so fällt das Fernsehen als Verbindung zur Zivilisation aus. „Viele wollen weg“, sagt Stephen Allen, Koordinator des UN-Kinderhilfswerks. „Sie wollen zurück nach Syrien, sobald die Lage stabiler ist – oder nach Europa, das ist hier auch ein ständiges Thema.“

700.000 Flüchtlinge bei sieben Millionen Einwohnern

So wird der Besuch des Flüchtlingslagers zur mehrfachen Gratwanderung für den Bundespräsidenten: Er ist zum Ende seiner Nahostreise in das jordanische Vorzeigelager gefahren, das vom UN-Flüchtlingshilfswerk betrieben wird. Gauck will seinen Gastgebern Respekt zollen für die Leistung, die Jordanien mit der Aufnahme der Flüchtlinge erbringt – 700.000 Menschen sind aus Syrien ins Königreich geflohen, das entspricht einem Zehntel der jordanischen Bevölkerung. „Ich weiß nicht, was in Deutschland los wäre, wenn wir einen solchen Anteil an Flüchtlingen hätten“, sagt Gauck.

Er vermeidet es aber, seinen Bundesbürgern die jordanische Großzügigkeit als Vorbild darzustellen. Die Bedingungen sind zu unterschiedlich, und Gauck will in der Flüchtlingsdebatte auch nicht mit moralischen Appellen Skeptiker noch zusätzlich vergraulen. In der deutschen Debatte hat er für sich die Rolle des verständnisvollen Realisten gewählt, der neben Ermutigung auch die Sorgen der Bürger artikuliert.

Gefährlich ist die Perspektivlosigkeit in den Lagern

Mitten in der Wüste richtet der Präsident aber einen Appell an die internationale Gemeinschaft, ihre Unterstützung für die Flüchtlinge in Jordanien und anderen Nachbarländern Syriens wieder aufzustocken: Dass die Nahrungsmittelhilfe reduziert worden sei, „das geht so nicht“. Jeder Euro, der hier investiert werde, sei Vorbeugung gegen Terrorismus, so Gauck.

Am Vortag hatte ihm der jordanische Islamforscher Mohammad Abu Rumman besorgt erklärt, wie gefährlich die Perspektivlosigkeit in den Lagern sei: „Die Kinder in den Flüchtlingscamps durchleben alle Kapitel der Tragödie – da wächst die nächste Generation des ‚Islamischen Staates‘ heran.“ Dabei hat sich Jordanien mit dem Lager Azrak alle Mühe gegeben. Schnurgerade Reihen weißer Blechbaracken ziehen sich bis zum Horizont, es gibt Schulen, die bis zur Hochschulreife führen, Sportplätze, ein Krankenhaus – und viele freie Baracken. Doppelt so viele Flüchtlinge könnten hier untergebracht werden, konzipiert ist die Anlage sogar für 130.000 Menschen. Aber die hier sind, wollen weg. Und es kommen nur noch wenige neue Flüchtlinge an.

Grenze zu Syrien inzwischen fast dicht

Gauck erlebt ein Land, das an die Grenze seiner Möglichkeiten gelangt ist. Jordanien hatte seit Beginn des Konflikts in Syrien eine großzügige Aufnahmepolitik betrieben. Aber inzwischen ist die Grenze zu Syrien praktisch geschlossen – ein Problem gerade jetzt, da der Flüchtlingsdruck steigt.

Die UN-Hilfsprogramme sind chronisch unterfinanziert. Experten berichten, dass Familien ihre Kinder aus den Schulen nehmen, damit sie etwas verdienen, oder ihre minderjährigen Töchter verheiraten, um mit dem Brautgeld das Überleben zu sichern. Offiziell ist ihnen die Aufnahme von Arbeit verboten, doch arbeiten rund 150.000 syrische Arbeiter illegal und machen den Einheimischen Konkurrenz. Der Menschenrechtsaktivist Atallah al-Sarhan warnt: „Die Preise und Mieten steigen, die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ist gefährlich.“ Die Ärmsten beginnen trotz der Risiken, nach Syrien zurückzukehren. Wer es finanzieren kann, macht sich auf den Weg nach Europa. Vor allem nach Deutschland: Wegen der großen syrischen Gemeinde hierzulande, wegen der Bilder von der Willkommenskultur, auch wegen Gerüchten über Begrüßungsgelder.

Gauck: Camps im Nirgendwo sind ein Irrweg

Der jordanische König Abdullah II Ibn al-Hussein macht im Gespräch mit Gauck klar, dass er sich auch deutsche Unterstützung bei der Versorgung der Flüchtlinge wünscht. Jordanien ist für den Westen schließlich ein Hort der Stabilität in einer unruhigen Region, wie Gauck lobt. Im Gespräch ist gezielte Wirtschaftsförderung, die sowohl Einheimischen als auch Flüchtlingen zugutekäme. Für Gauck wäre das auch ein Beitrag zur Integration. Das Lager Azrak im Nirgendwo könne diese Integration nicht leisten, kritisiert er am Ende seines Besuchs offen. Auf Dauer seien solche Camps deshalb ein Irrweg. Und auch mit Blick auf Deutschland fügt der Präsident hinzu: „Wir müssen Möglichkeiten schaffen, die Flüchtlinge in die Gesellschaft zu integrieren.“

 
 

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