Gauck reagiert ungewöhnlich auf Kritik der Pfarrer

Im Grundsatzstreit mit den Ex-Kollegen: Bundespräsident Joachim Gauck.
Im Grundsatzstreit mit den Ex-Kollegen: Bundespräsident Joachim Gauck.
Foto: Nicolas Armer/dpa
Normalerweise antwortet der Bundespräsident nicht auf offene Briefe. Doch die Kritik einer Gruppe ostdeutscher Pfarrer an seiner Rede ließ ihn offenbar nicht ruhen. Joachim Gauck rechtfertigte sein Ja zu deutschen Kriegseinsätzen – ließ aber jemand anderen schreiben.

Berlin.. Joachim Gauck verblüfft seine Kritiker. „Wir haben gar nicht damit gerechnet, dass der Bundespräsident uns antwortet“, erzählte der Ostberliner Pfarrer Klaus Galley am Freitag, „aber jetzt finden wir das wirklich gut.“ Galley ist einer der Initiatoren eines offenen Protestbriefes, mit dem 67 ostdeutsche Pfarrer scharfe Kritik an Gaucks Äußerungen zu Kriegseinsätzen geübt hatten. Nun hat der Präsident reagiert.

In einem Antwortschreiben an die Pfarrer verteidigt er seine Position in einem Konflikt, der die Öffentlichkeit spaltet: Soll Deutschland notfalls auch mit Soldaten eine aktivere Rolle in der Welt einnehmen?

Ohne Waffen keine Befreiung von Hitler

Ja, hat Gauck in einer Rede im Januar gefordert, ja sagt er nun erneut. Der Einsatz von Soldaten könne „als ultima-ratio-Element einer Gesamtstrategie und unter klaren verfassungsrechtlichen Vorgaben“ erforderlich sein. Ohne Einsatz bewaffneter Kräfte wäre keine Befreiung von der Hitler-Diktatur möglich gewesen, heißt es in dem Schreiben, das offiziell Gaucks Vertrauter und Amts-Chef David Gill verfasst hat. Sowohl der Papst als auch die Evangelische Kirche hätten Krieg als letztes Mittel anerkannt, um Krieg oder Völkermord zu beenden.

„Der evangelische Christ Gauck kann somit nicht erkennen, dass der vom Evangelium gewiesene Weg ausschließlich der Pazifismus sei.“ Man könne mit einem Ja und einem Nein zu militärischer Gewalt schuldig werden.

Die Pfarrer bleiben aber hart

Das sehen die ostdeutschen Pfarrer, geprägt auch von der friedlichen Revolution in der DDR, anders. Der Verzicht auf militärische Gewalt sei ein notwendiger Schritt zur Schaffung einer europäischen und weltweiten Friedensordnung, ermahnten sie Gauck Ende Juni. Sie verwiesen auf eine Erklärung der Kirchen in der DDR von 1989, die damals auch der Rostocker Pfarrer Gauck mitgetragen hatte. Mit seiner Rede habe sich Gauck von diesem Konsens der Gewaltlosigkeit und von christlichen Prinzipien verabschiedet.

Kann Gauck die Kritiker nun überzeugen? Nein, hieß es am Freitag im Kreis der Protestschreiber, Gauck habe in seiner Antwort nur erneut den Krieg als letztes Mittel verteidigt, den eigentlich notwendigen Politikwechsel aber ausgeblendet. Der Graben bleibt tief.

Die evangelische Kirche ist gespalten

Die Debatte spaltet auch die evangelische Kirche. Die frühere EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann unterstützt den Pfarrer-Protest: „Gewalt ist nie gerecht. Das sollte auch Joachim Gauck wissen.“ Käßmanns Nachfolger Nikolaus Schneider dagegen mahnt vermittelnd, Militär könne zwar keinen Frieden schaffen, aber dafür sorgen, dass die massiven gewalttätigen Auseinandersetzungen gestoppt werden. Und nun? „Wir wollten ein Gespräch in Gang setzen, das ist uns gelungen“, sagt Pfarrer Galley. Das könnte Gauck auch sagen. Normalerweise antwortet das Staatsoberhaupt nicht auf offene Briefe, aber dem Präsidenten liegt viel, offenbar sehr viel an dieser Debatte.

 
 

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