Für Korte ist „Wahlkampf ein Marathon mit Foto-Finish“

Thomas Rünker
Professor Karl-Rudolf Korte im Gespräch mit NRZ-Chefredakteur Rüdiger Oppers (rechts) und Prälat Karl Jüsten (links).
Professor Karl-Rudolf Korte im Gespräch mit NRZ-Chefredakteur Rüdiger Oppers (rechts) und Prälat Karl Jüsten (links).
Foto: Schumacher
Kanzlerin Merkel ist ins Hochwasser-Gebiet gereist - aber hat ihr das im Wahlkampf genutzt? Mit dem Politik-Wissenschaftler Karl-Rudolf Korte und dem Berlin-Kenner Prälat Karl Jüsten analysierte NRZ-Chefredakteur Rüdiger Oppers die Aussichten der Parteien vor der kommenden Bundestagswahl.

Neuss. Ihre Hochwasser-Auftritte haben der Kanzlerin für ihre Wiederwahl nichts genützt – und das nicht etwa wegen der fehlenden Gummistiefel, sagt Professor Karl-Rudolf Korte. „So etwas hat jetzt noch keine Auswirkungen, dass ist noch viel zu weit vom Wahltag entfernt“, erklärte der Politikwissenschaftler der Uni Duisburg-Essen jetzt auf dem Augustinus-Forum in Neuss. Rund 600 Zuhörer ließen sich dort bei der von NRZ-Chefredakteur Rüdiger Oppers moderierten Diskussion zwischen Korte und Prälat Karl Jüsten, dem Chef des katholischen Büros in Berlin, auf den Wahlkampf einstimmen.

Korte zufolge ist das politische Rennen, trotz seit Wochen stabiler Wahlumfragen, keinesfalls gelaufen: „Noch ist alles offen.“ 50 Prozent der Wähler entschieden sich erst kurz vor dem Wahltag. Deshalb sei auch „klar, dass es jetzt noch keinen Wahlkampf gibt. Wahlkampf ist ein Marathon mit Foto-Finish“, erklärte der Politologe.

Der Wahlkampf ist noch nicht entschieden

Die Einschätzung, dass der Wahlkampf noch gar nicht begonnen hat, unterstrich auch Prälat Jüsten, seit 13 Jahren als „Chef-Lobbyist vom lieben Gott“ (Oppers) in Berlin am Puls von Regierung und Parlament: „Im Moment sind wir noch mitten in der Gesetzgebung.“ Allerdings gelte natürlich auch. „Was jetzt nicht in der parlamentarischen Pipeline ist, das kommt auch nicht mehr.“

Oppers lenkte das Gespräch zunächst auf die SPD und deren umstrittenen Spitzenkandidaten Peer Steinbrück. Korte nannte es eine „originelle Idee“ der Partei, mit „diesem Kandidaten ein klares Angebot an die bürgerliche Mitte“ zu machen. Dass gleichzeitig aufgestellte eher linke Programm führe indes dazu, dass Steinbrück „immer einen Spagat machen muss.“ Korte empfahl der SPD, Steinbrück „einen starken, eher linksorientierten Gabriel an die Seite zu stellen“ – so wie seinerzeit bei Schröder und Lafontaine. Außerdem müsse die SPD „mehr Siegerlaune verbreiten“.

Steinbrück ist indes nicht der einzige Spagat-Künstler in der aktuellen Politik. Mit Blick auf die Grünen verwies Jüsten darauf, dass sich diese „in ihrem Wahlprogramm sehr weit nach links bewegt“ hätten, sich aber in ihrem Auftreten zunehmend bürgerlich gäben. Da stelle sich bei einem entsprechenden Wahlergebnis schon die Frage, „ob man den traditionellen linken Flügel der Grünen in eine Koalition mit der Union hinüberretten könnte“, so der Prälat. Doch Koalitionen basierten ohnehin „weniger auf der Logik von inhaltlichen Schnittmengen als auf der Logik von Persönlichkeiten“, erläuterte Korte.

Merkel führe einen "Brigitte"-Wahlkampf

Eine solche ist fraglos Kanzlerin Merkel, die nach Ansicht Kortes indes kaum deutlich mache, wofür die Union inhaltlich steht. Stattdessen führe sie „einen ,Brigitte’-Wahlkampf“, offenbare manches Persönliche – und werde doch nie privat.

Und die FDP? „Auch die hat noch eine realistische Chance“, so Korte. Wenn sie sich bis zum Wahltag in Umfragen weiter der Fünf-Prozent-Marke nähere, könne dies sogar noch zusätzliche Stimmen bescheren, „dann fürchten die Wähler nicht, ihre Stimme zu verschenken“.