Fluchtwelle aus der Türkei erwartet

An Rhein und Ruhr.  Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl befürchtet, dass die Zahl der Asylsuchenden aus der Türkei bald deutlich ansteigt. Vor allem zahlreiche Intellektuelle und Wissenschaftler suchten sich bei andauernden Repressalien eine Zukunft im Ausland – auch in Deutschland. „Die Entlassungen und Verfolgungen bedeuten für viele praktisch eine Existenzvernichtung“, sagt Bernd Mesovic von Pro Asyl.

So sieht sich auch die Humboldt-Stiftung stärker gefordert: Sie ermöglicht bedrohten ausländischen Wissenschaftlern zum Schutz ein Stipendium an einer deutschen Universität – und rechnet damit, dass sie in Zukunft mehr geflohene türkische Forscher unterstützen muss.

Forscher, Wissenschaftler und Politiker in Deutschland reagieren entsetzt und fassungslos auf das Vorgehen der türkischen Regierung – speziell gegen Akademiker. Wie berichtet, lässt die Türkei seit dem gescheiterten Putsch Wissenschaftler nicht mehr im Ausland arbeiten und fordert im Ausland weilende Forscher zur Heimkehr auf. Die deutsche Hochschulrektorenkonferenz (HRK) reagierte ungewöhnlich scharf: „Die tiefen, offenbar skrupellosen Einschnitte in die akademischen Freiheiten durch die türkische Regierung machen uns alle fassungslos. Wir protestieren gegen dieses Vorgehen auf das Schärfste“, sagte HRK-Präsident Horst Hippler.

Die türkische Regierung will mit dem Ausreiseverbot für Wissenschaftler offenbar verhindern, dass mutmaßliche Mitverschwörer an Universitäten ins Ausland fliehen. Die Hochschulverwaltungen hatten zuvor die Entlassung von 1500 Rektoren und Dekanen angeordnet. Gleichzeitig forderte der türkische Hochschulrat die Rektoren auf, ihre Mitarbeiter im Lehrbetrieb und in der Verwaltung auf mögliche Verbindungen zur Bewegung des in den USA lebenden Erdoğan-Gegners Fethullah Gülen zu durchleuchten. Bis zum 5. August sollen sie ihre Berichte vorlegen.

„Die Nachrichten deuten darauf hin, dass es um systematische Einschüchterung und um die Vernichtung des freien Geistes geht“, kommentieren die deutschen Uni-Rektoren die Entwicklung. Erst vor etwa einem Jahr hatte Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) bei ei­ner Türkeireise zwei neue deutsch-türkische Forschungsvorhaben auf den Weg gebracht. Heute sagt sie: „Die Türkei verlässt hier ganz eindeutig den Weg der Demokratie.“