Fast jede zweite Frührente durch psychische Probleme

Psychische Probleme wie etwa Depressionen sorgen für immer mehr Frühverrentungen.
Psychische Probleme wie etwa Depressionen sorgen für immer mehr Frühverrentungen.
Foto: Oliver Berg/ dpa
Im Schnitt schon mit 49 raus aus dem Job und beinahe jedes zweite Mal wegen psychischer Probleme: Eine Studie schlägt zur Frühverrentung Alarm. Depressionen und andere Leiden bedeuten jedes Jahr für Zehntausende das berufliche Aus. Psychotherapeuten warnen: Viele würden abgeschoben statt behandelt.

Berlin. Arbeitnehmer in Deutschland kommen immer häufiger wegen psychischer Erkrankungen in Frührente. Die Zahl der Betroffenen stieg innerhalb von zehn Jahren um rund 25.000 auf 75.000 im Jahr 2012, wie die Psychotherapeutenkammer am Dienstag in Berlin unter Berufung auf die Rentenversicherung mitteilte. Im Durchschnitt sind die Menschen dann erst 49 Jahre alt.

"Psychisch kranke Frührentner werden praktisch abgeschrieben", kritisierte Kammerpräsident Rainer Richter. Dabei könnte vielen Kranken laut Richter geholfen werden - mit besserer Behandlung oder mehr Rehabilitation inklusive Therapien und Trainings. Arbeit sei nicht nur belastend, sondern könne die Betroffenen auch stabilisieren, wenn ihre Leiden angemessen behandelt werden. Insgesamt aber bekomme nur jeder dritte psychisch Kranke in Deutschland überhaupt eine Therapie.

Depressionen als Grund beinahe verdoppelt

Fast jede zweite neue Frührente sei psychisch verursacht. Als Grund zugenommen hätten seit 2001 vor allem Depressionen (plus 96 Prozent), Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen (plus 74 Prozent) sowie Suchterkrankungen (plus 49 Prozent).

Oft geht der Frühverrentung eine längere Leidensgeschichte voraus. So stellen auch die Krankenkassen immer wieder dar, dass die Fehltage wegen Depressionen und anderer seelischer Leiden stark zunähmen. Laut Psychotherapeutenkammer hat sich die Zahl der entsprechenden Fehltage seit der Jahrtausendwende fast verdoppelt. Nicht selten werde aus einer vorübergehenden Arbeits- eine dauerhafte Erwerbsunfähigkeit.

Zwischen Kranken- und Rentenversicherung hin- und hergeschoben

Richter kritisierte, die Kranken würden häufig unzumutbar zwischen Kranken- und Rentenversicherung hin- und hergeschoben. Die Kasse könne den Versicherten nämlich auffordern, einen Reha-Antrag zu stellen. "Auf diese Weise kann sie Ausgaben für Krankenbehandlung und Krankengeld sparen." Die Rehabilitation geht zu Lasten der Rentenkasse. Wenn ein Gutachter die Reha nicht als erfolgsversprechend bewertet, werde aus dem Reha-Antrag automatisch ein Rentenantrag. Häufig landeten die Patienten aber auch wieder bei der Krankenkasse, weil sie andere Krankenbehandlungen bräuchten.

Mit der Frührente steigt nach Darstellung der Kammer das Armutsrisiko der psychisch Kranken. Denn die Erwerbsminderungsrenten seien seit 2000 stark gefallen - auf zuletzt durchschnittlich rund 600 Euro pro Monat. Mehr als ein Viertel der erwerbsunfähigen Rentner lebe in Einkommensarmut.

"Wir brauchen eine Anti-Stress-Politik"

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) rief die Bundesregierung zu klaren Regeln gegen zunehmenden Stress am Arbeitsplatz auf. "Wir brauchen eine Anti-Stress-Politik, damit Arbeit nicht länger krank macht", sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach der Deutschen Presse-Agentur.

Grünen-Gesundheitsexpertin Maria Klein-Schmeink forderte die Bundesregierung auf, sich der Missstände anzunehmen. "Wir brauchen dringend einen umfassenden Aktionsplan Seelische Gesundheit." Kammerpräsident Richter mahnte, die monatelangen Wartezeiten auf einen Therapieplatz müssten gesenkt werden. "Wir brauchen da gesetzliche Vorgaben." (dpa)