Familienministerin Kristina Schröder lobt Regierung Kraft

Julia Emmrich
Bundesfamilienministerin Kristina Schröder von der CDU gefällt, wie Rot-Grün in Düsseldorf den Mangel an Kita-Plätzen angeht. Bei Frauenquote und Feminismus gibt sie sich streitlustiger. Im Interview beklagt sie "eine unglaublich verkrampfte Ideologie".

Berlin. Kristina Schröder ist genervt. Mit einer Streitschrift will sich die sich die junge CDU-Familienministerin im Frühjahr wieder in die Feminismusdebatte einklinken. Nicht zum ersten Mal: Seit dem Streit mit Alice Schwarzer im Herbst 2010 werfen ihr viele Kritikerinnen vor, nicht leidenschaftlich genug für die Sache der Frauen zu kämpfen.

Ihr neues Buch heißt „Danke, emanzipiert sind wir selber!“. Klingt genervt.

Kristina Schröder: Was mich nervt ist, dass wir in Deutschland eine unglaublich verkrampfte, ideologische Debatte darüber haben, wie ein richtiges Frauenleben aussehen soll. Es ist doch so: Egal wie eine Frau sich entscheidet, sie kann es nur falsch machen. Wenn sie zwei Jahre zu Hause bleibt, ist sie das Heimchen am Herd. Wenn sie keine Kinder will, ist sie die egoistische Karrierefrau. Wenn sie beides will, dann ist sie die Rabenmutter oder die Latte-Macchiato-Mutter. Es sind ja oft die Frauen selbst, die sich da angiften.

Sie finden, dass sich Frauen wie Alice Schwarzer oder Eva Hermann zu stark einmischen. Aber die beiden haben ja immerhin Argumente. Heidi Klum und Prinzessin Lillifee dagegen befehlen einfach: Sei hübsch und angepasst. Bekämpfen Sie nicht den falschen Feind?

Schröder: Wahlfreiheit ist für mich das Gegenteil von Angepasstheit. Ich will keine vorgestanzten Rollenbilder, schon gar nicht innerhalb der Familie. Ich finde es anmaßend, wenn der Staat gouvernantenhaft vorgibt, wie Gleichberechtigung geht.

Soll die Politik regeln, wer den Müll runter bringt?

Sie schreiben: Frauen von heute brauchen keine Rollenleitbilder. Haben Sie selber denn keins?

Schröder: Wenn mich meine Freundin fragt, ‘Kristina, was würdest Du mir empfehlen?’, dann habe ich natürlich eine private Antwort. Aber die private Antwort taugt doch nicht zum pauschalen Leitbild für alle Familien, die sich in ganz unterschiedlichen Situationen befinden und in denen ganz unterschiedliche Werte gelebt werden. Es wäre falsch, wenn die Politik sagt: Ich will, dass die Aufgaben in jeder Partnerschaft fifty-fifty aufgeteilt werden, dass beide Vollzeit arbeiten, dass beide abwechselnd den Müll runterbringen und den Pastinaken-Brei für das Kind kochen.

Sie wollen Wahlfreiheit für alle. Wie viel Wahlfreiheit hat denn die allein erziehende Kassiererin in Gelsenkirchen?

Schröder: Für diese Mutter dürfte der entscheidende Punkt sein, dass wir ihr verlässliche, hochwertige Kinderbetreuung ermöglichen, damit sie ihren Beruf ausüben kann - und zwar mit familienfreundlichen Arbeitszeiten.

Etwas Lob für Rot-Grün in Düsseldorf

Hoffentlich hat sie schon einen Krippenplatz. In NRW fehlen immerhin noch 44.000 Plätze, um 2013 den Rechtsanspruch zu erfüllen.

Schröder: Wir sollten die verbleibenden eineinhalb Jahre gut nutzen. Das Geld vom Bund ist da, wird aber nicht schnell genug abgerufen. Es liegt also vor allem an der praktischen Umsetzung. Ich finde es gut, dass NRW jetzt geguckt hat, ob man bei bestimmten bürokratischen Vorgaben und Gebäude-Standards auch mal ein Auge zudrücken sollte. Da kann NRW auf den letzten Metern durchaus zum Vorbild für die anderen Länder werden.

... und wer dennoch keinen Platz findet, bekommt als Trostpflaster 150 Euro Betreuungsgeld.

Schröder: Nein, so ist das nicht gedacht. Wer keinen Platz bekommt, kann klagen. Aber ich bin sicher, dass das nur in wenigen Fällen nötig sein wird. Das Betreuungsgeld will außerhalb der CSU inzwischen fast niemand mehr. Ist es ein undankbarer Job als CDU-Ministerin ein CSU-Kind gebären zu müssen? Ich finde den Grundgedanken nach wie vor richtig: Die einen bekommen eine Sachleistung, also den Krippenplatz, die anderen eine Barleistung. Mein Gesetzentwurf dazu kommt noch vor Ostern.

Die Berliner Erklärung muss ohne die Ministerin auskommen

Viele Frauen finden, dass Sie sich nicht stark genug für Frauenförderung einsetzen. Bei der parteiübergreifenden Berliner Erklärung für eine 30-Prozent-Frauenquote in Aufsichtsräten fehlt Ihre Unterschrift. Warum?

Schröder: Ich könnte es mir leicht machen, erst unterschreiben und mich dann tränenreich beklagen, dass es im Bundestag keine Mehrheit dafür gibt. Dann bekäme ich viel Applaus, aber wir hätten nichts erreicht. Ich will die Unternehmen stattdessen gesetzlich verpflichten, sich für ihre Vorstände und Aufsichtsräte selbst eine Quote zu geben, die sie dann auch veröffentlichen und einhalten müssen. Das wird über Rankings echten Druck für die Bremser geben - und die frauenfreundlichen Unternehmen werden besser dastehen.

Wollen viele Frauen vielleicht gar nicht an die Spitze, weil es ihnen da viel zu (selbst)mörderisch zugeht?

Schröder: Es ist ja kein Naturgesetz, dass in Führungsetagen nur Menschen überleben, die jegliche familiäre Verantwortung delegieren können, die zu Hause jemanden haben, der ihnen den Kühlschrank füllt und die Hemden bügelt. Wir sollten lieber Wege suchen, wie Führungspositionen und Familienleben besser zusammenpassen. Gut, aber der Preis ist hoch, oder? Ihre Tochter ist jetzt sechs Monate alt... Ja, natürlich zahlt man einen Preis. Ich finde es anstrengend, die Anspannung ist oft hoch und manchmal funktionieren Sachen nicht so, wie ich sie ... (Das Handy klingelt.) ... Moment bitte, mein Mann ist mit Lotte unterwegs, ich gehe mal eben dran.

(Kristina Schröder kommt zurück.)

Wir sind tatsächlich nicht mehr so flexibel wie früher. Und Politik als Beruf ist nun mal ein familienfeindliches Geschäft. Aber: Wenn die Familienministerin nicht die Traute hat zu sagen, dass sie den Sonntag mit ihrem Kind verbringen will, wer denn dann? Ich habe da übrigens auch die Rückendeckung von meiner Chefin. Am Tag, als mich Angela Merkel gefragt hat, ob ich Familienministerin werden will, und ich ihr sagte ‘wir wollen aber jetzt Kinder’, hat sie geantwortet: ‘Zieh’ das durch, ich stehe dahinter.’

Dauerthema: Das Verhältnis zu Ursula von der Leyen

Hätten Sie sich von ihrer Vorgängerin Ursula von der Leyen mehr Solidarität gewünscht?

Schröder: Ach, ich finde es falsch, dass immer dann, wenn Frauen unterschiedliche Positionen haben, gleich soviel hinein psychologisiert wird.

Sie werden dieses Jahr 35. Denken Sie manchmal: Ich hätte gerne zehn Jahre mehr Lebenserfahrung für den Job?

Schröder: Zwei Jahre Regierungsarbeit sagen mir: Ein Kabinett nur mit Unter-40-Jährigen wäre genauso nicht gut wie eins nur mit Über-60-Jährigen.