Experten bezweifeln Sinn von Stadionverboten für Hooligans

Theo Schumacher
Die Gewerkschaft der Polizei ist sich sicher: Mehr Stadionverbote für Randalierer würden die Sicherheit in Fußballstadien erhöhen. Doch bei der Expertenanhörung im Landtag wurde deutlich, dass es auch andere Meinungen gibt. Der Kriminologe Thomas Feltes zweifelt am Sinn repressiver Maßnahmen.

Düsseldorf. Natürlich wurde wieder der Ruf nach der „roten Karte“ gegen „Chaoten“ laut – aber derlei Phrasen blieben die Ausnahme. Fans und Vereine, Verbände und Politiker schafften es am Donnerstag weitgehend, konstruktiv und ohne Schaum vorm Mund über Gewalt beim Fußball zu debattieren – ein emotional aufgeladenes Thema. Bei der Experten-Anhörung im Landtag wurde außerdem deutlich, dass sich die Ultra-Bewegung diskriminiert fühlt. Kritisch hinterfragt wurde auch die Rolle der Polizei.

99 Prozent der Fußballanhänger seien friedlich, befand Arnold Plickert, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Allerdings sieht er in NRW Probleme mit 4000 gewaltbereiten Fans der Clubs in den oberen vier Ligen, „die wir nicht mehr erreichen“. Sie seien „Kriminelle und Straftäter“. Plickert, der am Donnerstag die schärfsten Töne anschlug, stützte sich auf den aktuellen bundesweiten Lagebericht der Polizei.

Forderung nach immer mehr Stadionverboten ist höchst umstritten

Nach den Daten der „Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze“ (ZIS) gab es in der Saison 2011/12 bei Heimspielen der Fußball-Bundesligisten in NRW 1540 Festnahmen und 322 Verletzte, darunter 45 Polizisten. 840 Strafverfahren wurden eingeleitet. Die GdP verlangt Stadionverbote für Randalierer, die mit Meldeauflagen an den Spieltagen verbunden werden müssten.

Doch zeigte sich, dass nicht nur in der Szene die Forderung nach immer mehr Stadionverboten höchst umstritten ist. Der Kriminologe Thomas Feltes (Uni Bochum) gab zu bedenken, solch „repressive Maßnahmen“ verfehlten oft ihren Zweck. Die Risiken seien weit größer, wenn derart drastisch in das Alltagsleben von Fans eingegriffen werde. Auf keinen Fall dürften solche Verbote „ins Belieben“ der Vereine gestellt werden.

"Ultra-Szene nicht über einen Kamm scheren"

Feltes relativierte auch die Zahlen der Polizei: während beim Münchener Oktoberfest eine verletzte Person auf 700 Besucher komme, betrage die Relation bei Spielen der ersten und zweiten Liga nur 1:17000. Dagegen gebe es beim Fußball relativ mehr Festnahmen. Offenbar seien „lokale Toleranz und informeller Konfliktlösung“ beim Oktoberfest dafür eine Ursache, so Feltes. Er warf der ZIS vor, nähere statistische Angaben und wissenschaftliche Kooperation zu verweigern.

„Man darf die gesamte Ultra-Szene nicht über einen Kamm scheren“, warnte der Schalker Ultra Stefan Kleier, den Sprecher Kölner und Düsseldorfer Fanclubs unterstützten. Michael Gabriel, der bundesweit Fanprojekte für die Deutsche Sportjugend koordiniert, nannte Ultras die „größte jugendliche Subkultur“ der Republik. Wer gegen sie ausschließlich mit Repressalien vorgehe, werde auf Dauer das „Feindbild“ Polizei in der Szene verfestigen.