Ex-IS-Geisel: „Luftangriffe machen den IS nur noch stärker“

Nicolas Henin bei seiner Rückkehr in Frankreich nach seiner zehnmonatigen Geiselhaft in Syrien. Nun äußerte sich der französische Journalist über Strategien, mit denen der IS zu besiegen sein könnte.
Nicolas Henin bei seiner Rückkehr in Frankreich nach seiner zehnmonatigen Geiselhaft in Syrien. Nun äußerte sich der französische Journalist über Strategien, mit denen der IS zu besiegen sein könnte.
Foto: imago/PanoramiC
Der französische Journalist Nicolas Henin war zehn Monate in der Gewalt des IS. Nun sprach er über Wege, die Extremisten zu besiegen.

Berlin.  Nicolas Henin stockt einige Male am Anfang des Gesprächs. Es fällt ihm sichtlich schwer, ohne Weiteres über die zu sprechen, die ihn zehn Monate als Geisel gefangen hielten, die in Syrien und zuletzt auch im Herzen Europas so viel Leid über die Menschen brachten und bringen.

Nicolas Henin war zwischen 2013 und 2014 zehn Monate lang in der Gewalt des sogenannten Islamischen Staates. Nun gab der französische Journalist den Bloggern der Assad-kritischen, gemeinnützigen Organisation „The Syria Campaign“ ein beeindruckendes Video-Interview. Und er richtet eine klare Botschaft an die Konfliktparteien, die in Syrien die Terrormiliz bekämpfen. „Luftangriffe auf den IS sind eine Falle“, meint Henin, „damit stärken wir den Gegner und machen das Leid der Bevölkerung nur noch größer.“

Henin, der in seiner Zeit als IS-Geisel auf den berüchtigten IS-Mörder „Dschihadi John“ traf und unter anderem mit dem später hingerichteten US-Journalisten James Foley gefangen gehalten wurde, sieht den entscheidenden Kampf nicht auf dem Schlachtfeld: „Der Gewinner dieses Krieges wird nicht der sein, der die neusten, teuersten und am besten entwickelten Waffen hat, sondern der, der die Menschen für sich gewinnen kann.“ Henin schlägt eine Flugverbotszone vor über den vom IS kontrollierten Gebieten. Bomben würden die unschuldigen Menschen der Region eher in die Hände der Terroristen treiben, als ihnen nachhaltig zu helfen.

Henin lobt liberale Flüchtlingspolitik

Umso wichtiger sei es, eine politische Lösung anzustreben. „Sobald die Bevölkerung den Glauben an eine politische Lösung haben, wird der Islamische Staat zusammenbrechen“, glaubt Henin. Dabei müsse man freilich auch auf die Kräfte der syrischen Bevölkerung setzen. Henin kennt die Umstände in der Region. Die meiste Zeit seiner Karriere als freier Journalist arbeitete der 40-Jährige im Irak und in Syrien.

Eine wirksame Waffe gegen den IS, meint Henin, habe der Westen bereits eingesetzt: die liberale Flüchtlingspolitik, die derzeit nicht nur in Deutschland so umstritten ist. „Hundertausende Muslime fliehen aus dem Land, das für den IS dessen Israel sein soll, um in das Land der Ungläubigen zu gelangen?“, so Henin. Das sei für den IS ein „blow“, ein herber Schlag.

Henin warnt davor, die falschen Reaktionen zu zeigen auf den Terror, der vom IS ausgeht. „Uns dazu zu bringen, unsere Grenzen zu schließen, und, vielleicht sogar noch wichtiger, unseren Geist zu schließen, ist das, was sie möglicherweise während der Anschläge in Paris manipulieren wollten.“

 
 

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