Ethische Diskussion ist dringend notwendig

Die moderne Biomedizin setzt viele Regeln der Ethik außer Kraft. Dabei werden Fakten geschaffen, bevor auch nur die wichtigsten Fragen beantwortet sind. Deshalb ist die Initiative der 158 Abgeordneten zum umstrittenen pränatalen Bluttest auf Trisomie 21 ein notwendiges Signal für mehr Nachdenklichkeit. Denn dieser Test setzt Eltern und Ärzte unter Druck. Er erzeugt die Illusion, dass das perfekte Kind machbar sei.


Die Abgeordneten fordern in bisher einmaliger parteiübergreifender Einmütigkeit eine Diskussion, die unvermeidbar ist. Dabei ist der umstrittene Trisomie-Test nur ein Aspekt, denn unser ganzes Menschenbild wandelt sich. Schwäche und Anderssein haben keinen Platz in einer Gesellschaft, die von ihren Bürgern erwartet, dass sie gnadenlos funktionieren. Es ist doch auffällig, dass schon in der Grundschule kaum noch Raum bleibt für ein individuelles Tempo, dass Abweichungen sofort pathologisiert werden. Die früheren Träumer und Spätentwickler landen heute umstandslos in der Kinderpsychiatrie. Wer will es werdenden Eltern aber verdenken, dass sie nur Nachwuchs mit hervorragendem Potenzial in einer solchen Welt an den Start schicken wollen?


Genau da liegt der Denkfehler. Molekulargenetische Tests sind weder Allheilmittel noch sollten sie zu Götzen des Perfektionswahns stilisiert werden. Manchmal funktionieren sie nicht. Manchmal melden sie, dass alles in Ordnung ist, und das Kind hat Krankheiten, auf die nicht getestet wurden. Manchmal raten Ärzte zu einer Abtreibung, und das Kind wird gesund geboren. Manchmal entscheiden sich Eltern für ein behindertes Kind und freuen sich jeden Tag, dass es da ist. Leben ist wunderbar, unberechenbar und ganz bestimmt keine Krankheit.

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