Es sind Bruderländer

Es gibt ein Zusammengehörigkeitsgefühl in der arabischen Welt, aber der Traum von einer großen arabischen Nation ist tot. Das sagt Thomas Bauer, Professor für Arabistik aus Münster. Und er glaubt, dass der Protest gegen die alten Machthaber den Arabern mehr Selbstbewusstsein beschert.

Essen.. Es herrscht Aufruhr und Aufbruchstimmung in der arabischen Welt: Gibt es etwas, was diese Menschen verbindet? Gudrun Büscher sprach mit Thomas Bauer, Professor für Arabistik an der Universität Münster.

Gibt es so etwas wie ein arabisches Bewusstsein?

Bauer: Es gibt ein Zusammengehörigkeitsgefühl, man schaut aufeinander.

Was verbindet die Menschen?

Die gemeinsame Sprache. Jeder spricht seinen eigenen Dialekt, aber Hocharabisch wird in der Schule gelehrt, und die Literatur ist in Hocharabisch verfasst. Auch die gemeinsame Kultur verbindet.

Der Traum von einer großen arabischen Nation spielt keine Rolle?

Nein, der Panarabismus als politische Strömung ist tot.

Trotzdem gibt es dieses Zusammengehörigkeitsgefühl?

Ja. Man spricht von Bruderländern und informiert sich. Die arabischen Fernsehsender Al Dschasira und Al Arabia und auch das arabische BBC spielen eine große Rolle. Besonders auffällig ist auch die Respektlosigkeit, mit der die Demonstranten in Tunesien und in Ägypten gegenüber der Autorität auftreten. Das ist etwas Neues und könnte einen Mentalitätswandel in großen Teilen der arabischen Welt bedeuten.

Wie kommen Sie darauf?

Es gibt in diesen Ländern eine sehr große Autoritätsgläubigkeit. Das spürt man auch in wissenschaftlichen Publikationen. Das liegt auch an der allgemein gedrückten Stimmung in den Ländern. Jetzt ist etwas von Aufbruch zu spüren, der sich hoffentlich durchsetzen wird. Ich sage immer, die arabische Welt braucht keine Aufklärung, sie braucht eine 68er Revolution.

Fürchten Sie nicht den Einfluss der Moslembrüder?

Es ist doch unvermeidlich, dass es politische Kräfte gibt, die sich auf den Islam berufen. Die Moslembrüder haben sich seit der Zeit von Präsident Sadat verändert, sie haben der Gewalt abgeschworen.

Sie setzen große Hoffnung auf die Veränderungen in Ägypten.

Freie Wahlen würden die säkularen Kräfte stärken. Es gibt starke Personen in der Opposition, die vorher nicht sichtbar waren. El Baradei gehört dazu. Und der in Ägypten sehr populäre frühere Chef der Arabischen Liga, Amr Moussa. Die Proteste haben den Menschen Selbstbewusstsein gegeben. Das ist inzwischen nicht mehr rückgängig zu machen.

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