Es ist auch ein Kampf gegen die Resignation

Essen/Dortmund..  Die Haare unter einer Haube versteckt, die Ohrringe abgeklebt, so steht Ruth Zablocki im weißen Kittel in der Küche und überlegt, welche Zutaten noch fehlen. „Auf jeden Fall brauchen wir noch Gürkchen“, sagt sie. Mit einem Kollegen rührt sie in einem großen Bottich literweise Mayonnaise für Kartoffelsalat an. 2000 Mittagsgerichte verlassen an einem normalen Werktag die Großküche der Neuen Arbeit. Die Einrichtung der Diakonie Essen beliefert hauptsächlich Essener Schulen und Kitas. Während der Schulferien geht es weniger hektisch zu: 1400 Essen fallen zurzeit weg.

Ruth Zablocki ist eine von acht Langzeitarbeitslosen, die durch das Landesprogramm „Öffentlich geförderte Beschäftigung“ (ÖGB) Arbeit in der Essener Großküche gefunden haben. Obwohl sie ausgebildete Köchin ist, hat die 30-jährige Essenerin viereinhalb Jahre Arbeitslosigkeit hinter sich. Dem Stress in Restaurant oder Systemgastronomie war sie nicht gewachsen. Die Aussichten auf eine neue Stelle waren verschwindend gering.

Denn wer über einen langen Zeitraum aus der Erwerbstätigkeit ausscheidet, hat es schwer auf dem regulären Arbeitsmarkt. 300 000 Langzeitarbeitslose zählt das Land NRW, bundesweit sind es 940 000. Viele von ihnen haben keinen Schulabschluss oder sind wegen psychischer Probleme oder Schulden aus dem Tritt geraten. „Manche sind vier, fünf, sechs Jahre ohne Beschäftigung“, sagt NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD). „Es gibt Familien, deren Vorstände nie die Wohnung verlassen, um einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Da reproduziert sich Langzeitarbeitslosigkeit selbst.“

Um diesem Problemen entgegenzuwirken, hat das Land NRW 2013 das ÖGB-Programm gestartet. 16 Millionen Euro aus Landesmitteln und aus dem Europäischen Sozialfonds fließen dabei in Projekte zur Bekämpfung von Langzeitarbeitslosigkeit. Zudem beteiligen sich die Jobcenter und Kommunen. Mehr als 1100 Arbeitsplätze sind in 51 Projekten in gemeinnützigen und öffentlichen Betrieben entstanden. „Wir wollen Arbeit finanzieren statt Arbeitslosigkeit“, erklärt Schneider.

Jobcoaches als Begleitung

Mehrere Besonderheiten kennzeichnen die Projekte des NRW-Programms: Sogenannte Jobcoaches begleiten die Teilnehmer sozialpädagogisch, bieten Unterstützung beispielsweise beim Ausfüllen von Anträgen oder bei der Vermittlung von Schuldnerberatern an. Zudem beträgt der reguläre Förderzeitraum in den ÖGB-Projekten zwei Jahre, während die meisten Maßnahmen für Langzeitarbeitslose bereits nach sechs Monaten enden.

Das Land stellt ab 2015 eine Verlängerungsmöglichkeit um weitere zwei Jahre in Aussicht. „Immer nur kurzfristige Maßnahmen und danach wieder Arbeitslosigkeit – das führt zwangsläufig zu Resignation“, sagt Guntram Schneider. Wichtig sei Kontinuität.

Die wünscht sich auch Peter Horn. Er ist seit 21 Monaten bei einem ÖGB-Projekt im Christlichen Jugenddorf Dortmund (CJD) beschäftigt. Im Bereich Elektrorecycling baut er alte E-Geräte auseinander, sortiert Metalle, Kunststoffe und andere Wertstoffe für den Weiterverkauf. Der 53-jährige Dortmunder hat eine bewegte Erwerbsbiografie vorzuweisen. Irgendwann mal habe er in einer Bücherei gearbeitet, war bei der Bundeswehr, war als Elektromaschinenbauer, Glasreiniger und zuletzt als Gartenlandschaftsbauer tätig. Weil er an einer Nervenkrankheit leidet und sein Bein nicht vollständig belastbar ist, verlor er den Job. Im Februar läuft sein Vertrag aus. Sein größter Wunsch: ein Anschlussvertrag. „Hier will ich bleiben.“ Horn ist ein Mann, der viel lächelt und großen Optimismus ausstrahlt. Blickt er in die Zukunft, sei er frohen Mutes, sagt er. „Angst wäre das falsche Wort.“ Aber er weiß auch: Wenn es mit dem Vertrag nicht klappt, ist er wieder arbeitslos.

 
 

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