Elend mit Ansage

Foto: Reuters
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Essen.Das Ernährungsprogramm der UNO schätzt: Die Hungerkrise am Horn von Afrika ist genauso verheerend wie die Katastrophen in Haiti und Pakistan im Jahr 2010. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon appelliert an die Welt, 1,1 Milliarden Euro zu spenden, um Leben zu retten. Doch es gibt erst Zusagen für die Hälfte dieser Summe.

Warum ist Somalia derzeit einer der schlimmsten Orte?

In Somalia fehlen alle staatlichen Strukturen, eine Regierung gibt es seit Jahren nicht. Es herrschen Stämme und Banden und seit 1991 praktisch permanenter Bürgerkrieg. Einträglichstes Geschäft an der Küste ist die zunehmende Piraterie.

Wie viele Menschen sind von der Dürre betroffen?

Nach Angaben der UNO sind elf Millionen Menschen am Horn von Afrika auf Hilfe angewiesen. Vor allem in Somalia, Kenia, Äthiopien und im Sudan leiden sie unter der laut „Brot für die Welt“ größten Dürre seit 60 Jahren. Grund dafür sind zwei auf­einander folgende schlechte Regenzeiten. Hinzu kommen steigende Getreide- und Fleischpreise durch Spekulationen und in Somalia der 20 Jahre dauernde Bürgerkrieg.

War die Not vorhersehbar?

„Das ist eine Katastrophe mit Ansage“, meint Prof. Franz Nuscheler, Experte für Entwicklungspolitik. Seit drei Jahren herrscht Dürre, Somalia ist vom Krieg verwüstet. Die Nomaden werden von Milizen überfallen, ihr Vieh verdurstet. Kenia hätte das Flüchtlingslager besser ausstatten können, doch sollten keine bleibenden Strukturen geschaffen werden. Nuscheler: „Kenia war der Ernst der Lage vorher bewusst.“ Jetzt werde die Situation immer dramatischer: „Die Leute kommen und sterben.“ In dem Lager gibt es Konflikte zwischen Neuankömmlingen und denen, die seit langem dort leben, um Lebensmittel.

Hätte der Westen früher ­eingreifen müssen?

Dieser Vorwurf geht an die UNO und den Welternährungsfonds. Sie hätten Vorsorge treffen können, meint ­Nuscheler. Verantwortlich sei in erster Linie die Afrikanische Union, doch die reagiere nicht ernsthaft genug. Nuscheler sagt aber auch: „Ich schäme mich für Deutschland, dass Merkel nur eine Million Euro zur Verfügung stellen will.“ Diese Aussage eines reichen Landes habe Symbolkraft.

Kann man in einem Land wie Somalia direkt helfen?

„Das ist fast unmöglich“, sagt Johan van der Kamp, ­Koordinator der Welthungerhilfe in Nairobi. „Das Risiko, dass Nothelfer in Somalia entführt werden, ist groß.“ 2009 und 2010 wurden 47 Helfer in Somalia getötet und 35 entführt. Van der Kamp meint: „Auf Zusagen der islamischen Miliz Al-Schabaab, nun doch Hilfsgüter ins Land zu lassen, würde ich keinen Cent setzen.“ Afrika-Experte Helmut Hess von der Diakonie Katastrophenhilfe widerspricht: „Es gibt eine Chance, sich mit Al-Schabaab zu einigen.“

Wie ist die Lage in Kenia und Äthiopien?

„In den nördlichen Counties von Kenia, das sind 45 Prozent der Landesfläche, ist die Lage derzeit verheerend. In Äthiopien sieht es ähnlich aus“, erklärt van der Kamp.

Fehlt es an Anbaufläche ?

Somalias Nachbarn Kenia und Äthiopien verpachten und verkaufen große Flächen an ausländische Unternehmen. Nuscheler: „In Äthiopien bauen indische Investoren Blumen an für den europäischen Markt. Die Bauern werden von der Regierung vertrieben, weil dies Devisen bringt.“ Dies gefährde die ­Ernährung der Bevölkerung.

Warum soll man spenden?

„Weil man den Ärmsten der Armen hilft“, sagt Axel Rottländer von der Hilfsorganisation Care. Und weil man mit nur zehn Euro ein Menschenleben retten könne. Die der­zeitige hohe Aufmerksamkeit sei eine Chance, insbesondere um private Spenden zu sammeln, die in den letzten Jahren so gut wie gar nicht kamen, hofft Rottländer. Auch die Kindernothilfe leistet vor Ort Soforthilfe mit einem Ärzteteam und sammelt Spenden.

 
 

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